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„Michael Kohlhaas“ in Frankfurt : Wie aus einem Normalbürger ein Terrorist werden kann

Die Bestie bricht hervor: Kohlhaas fühlt sich im Stich gelassen und übt sich in Selbstjustiz. Bild: Thomas Aurin

Felicitas Brucker probt Kleists „Michael Kohlhaas“ im Frankfurter Schauspiel. Auch wenn das Werk von 1810 ist, setzt es sich doch bis in die Gegenwart fort.

          4 Min.

          Stille. Fast ohrenbetäubend. Man glaubt, die buchstäbliche Stecknadel müsse fallen wie im Theater von Epidauros. Aber wir sitzen im Frankfurter Schauspiel: Regisseurin Felicitas Brucker an ihrem Pult in der fünften Reihe, neben ihr Produktionsdramaturg Alexander Leiffheidt und etliche Mitarbeiter verstreut im Zuschauerraum. Alle halten den Atem an. Denn vorn auf der Bühne beginnt die Generalprobe des „Michael Kohlhaas“, einer dramatischen Adaption der gleichnamigen Novelle Heinrich von Kleists. „Was willst du?“, fragt Luther alias Matthias Redlhammer. Sein ungeladener Gast, Pferdehändler Kohlhaas alias Sebastian Reiß, will seine Untaten beichten, aber vergeben will er seinem Erzfeind Tronka, der ihn um zwei Rappen geprellt hat, nicht. Da „kehrte ihm Luther den Rücken zu“, so steht es bei Kleist.

          Claudia Schülke
          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Und damit beginnt Bruckers Inszenierung. „Das ist nicht der historische Luther“, hatte die Regisseurin im Gespräch vorher erläutert. Die Figur trete bei ihr als geistige Instanz und „Klammer“ auf. Klammer? Zwischen den beiden Teilen der anderthalbstündigen Inszenierung, die am 19. September Premiere im Großen Haus hat. In der ersten Hälfte habe sie sich auf die Person des Titelhelden konzentriert, so Brucker: „Auf Weg und Wandlung eines ganz normalen Menschen. Kohlhaas ist nicht per se extrem, sondern ein Mann der Mitte, mit dem sich viele Menschen identifizieren können. Erst nachdem er sein Vertrauen in Justiz und Staatssystem verloren hat und seine Frau gewaltsam umgekommen ist, sieht er sich jeglicher Verpflichtung dem Staat gegenüber entbunden.“ In der zweiten Hälfte fragt Brucker nach dem System: nach Nepotismus, Intriganz und Korruption in der Justiz.

          „Das ist der Zustand unserer Gesellschaft“

          Die Luther-Szene verklammert nicht nur das Regiekonzept, sie gibt auch Antwort auf die Frage, wie aus einem Normalbürger ein Terrorist werden kann. Kohlhaas fühlt sich „verstoßen“ von der Gesellschaft, weil ihm „der Schutz der Gesetze versagt ist!“ So Kleist mit sympathetischem Nachdruck. „Wer ihn mir versagt, er gibt mir, ... die Keule, die mich selbst schützt, in die Hand.“ So klingt die Rechtfertigung der Selbstjustiz, zu der Kohlhaas greift und die mehr und mehr in einen Rachefeldzug ausartet: Der Rächer zündet mit seiner Bande alle Städte an, die Tronka beherbergen. Dann stößt Nagelschmidt zu ihm. „Dieser ist noch radikaler“, sagt Brucker. „Er steht für eine Gruppierung junger Menschen, die grundsätzlich nicht mehr bereit sind, die vorherrschende Gesellschaftsform zu akzeptieren, sich von der Elite benachteiligt fühlen und bereit sind, alles umzuwerfen.“

          „Er setzt die Geschichte fort“, sagt die Regisseurin. Das klingt so, als setze sich die Novelle von 1810 bis in die Gegenwart fort. Genau das hat Brucker an dem Text gereizt: „Das ist der Zustand unserer Gesellschaft. Wir sitzen auf einem Pulverfass. Viele Menschen haben das Vertrauen in unser Staats- und Rechtssystem verloren und handeln mit Gewaltbereitschaft. Gewalt und Gegengewalt, das Polizeiaufgebot und die Wut der Bürger nehmen kontinuierlich zu.“ Die Regisseurin, die seit sechs Jahren mit Mann und Sohn in Paris lebt, weiß, dass sich dort bereits eine bewaffnete Bürgerwehr gebildet hat: „Und das nicht etwa in den Banlieues.“ Schon während ihres Studiums in München hatte sie sich für die Dinge interessiert, die unter dem Firnis der Zivilisation brodeln und jederzeit als etwas „Bestienhaftes“ hervorbrechen könnten. Als sie mit Schauspielintendant Anselm Weber über mögliche Stoffe sprach, habe sie für „Kohlhaas“ Feuer gefangen.

          Regie in London studiert

          Nur dann, mit einer klaren Perspektive, sei sie bereit, einen Prosatext für die Bühne zu adaptieren. Wie schon 2018 Goethes „Wahlverwandtschaften“ für das Schauspielhaus Zürich. Am Nationaltheater Mannheim hat sie 2019 die beiden ersten Bände von Elena Ferrantes „Meine geniale Freundin“ adaptiert. Nach der „Kohlhaas“-Premiere sollen in diesem Herbst die beiden anderen Bände folgen.

          „Eine Prosaadaption ist immer eine subjektive Lesart, eine Fokussierung; für mich im Hinblick auf die Relevanz für das Jetzt“, sagt sie. „Das Theater hat so viele Ursprünge. Und Prosa gehört für mich ebenso dazu wie andere literarische Gattungen und künstlerische Formen. Man muss es nicht eingrenzen.“

          Hat für „Kohlhaas“ Feuer gefangen: Regisseurin Felicitas Brucker
          Hat für „Kohlhaas“ Feuer gefangen: Regisseurin Felicitas Brucker : Bild: Birgit Hupfeld

          Performance und Literatur schlössen sich nicht aus, aber: „Die Musikalität der Sprache ist für mich wichtig.“ Kein Wunder, die 1974 in Stuttgart geborene und in Ludwigsburg aufgewachsene Regisseurin hat bis vor etwa zehn Jahren in diversen Bands Bassgitarre gespielt, Klavierspielen hatte sie schon mit fünf Jahren gelernt. Aber sie hat sich immer auch für Theorie begeistert: Badiou, Žižek, Luhmann – alle gelesen. Und doch: „Ich wollte Dinge erfinden. Ich glaube an die Transformation, daran, dass man einen Raum nach einem kollektiven Live-Erlebnis anders verlassen kann, als man ihn betreten hat.“ Nach einem Studium der Literatur-, Theater- und Kommunikationswissenschaften zog sie also mit einem DAAD-Stipendium nach London, um am Goldsmith College Regie zu studieren.

          Durch Corona verändert

          Nach zwei Jahren London kehrte sie zurück und ging als Regieassistentin gleich an die renommierten Münchner Kammerspiele. Dort begann sie auch selbst zu inszenieren. Als Gast inszenierte sie den „Urfaust“ (2008) am Berliner Maxim Gorki Theater, die „Orestie“ (2009), die „Jungfrau von Orleans“ (2012) und den „Prinz Friedrich von Homburg“ (2013) in Freiburg. Dann ging sie für fünf Jahre als Hausregisseurin ans Wiener Schauspielhaus in der Porzellangasse, wo sie sich dem Theater der Gegenwart widmete, 2014 etwa dem Roman „Aller Tage Abend“ von Jenny Erpenbeck. Sie inszenierte zeitgenössische und klassische Texte am Deutschen Theater Berlin und dem Theater Basel.

          Vier Tage vor ihrer Premiere der „Politiker“ von Wolfram Lotz an den Münchner Kammerspielen im November kam der Lockdown. „Ich habe weitergearbeitet. Es war für mich essentiell, die künstlerische und inhaltliche Auseinandersetzung nicht abzubrechen.“ Aber das Pendeln zwischen den Proben in Deutschland und den Wochenenden in Paris hat es ihr schwer gemacht: „Tests in beide Richtungen.“ Seit Mai dann in Frankfurt der „Kohlhaas“. „Ich glaube, dass wir nach dieser Zeit der Isolation alles Gemeinschaftsbildende dringend brauchen, Orte, Rituale, in diesem Sinne ist Theater für unsere Gegenwart elementar.“ Corona hat sie verändert. „Was braucht man wirklich“, fragt sie sich, und: „Was ist die Essenz der Dinge?“

          Micheal Kohlhaas: Die Premiere ist am 19. September um 18 Uhr, Tickets gibt es vom 10. September an.

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