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„Michael Kohlhaas“ in Frankfurt : Wie aus einem Normalbürger ein Terrorist werden kann

Regie in London studiert

Nur dann, mit einer klaren Perspektive, sei sie bereit, einen Prosatext für die Bühne zu adaptieren. Wie schon 2018 Goethes „Wahlverwandtschaften“ für das Schauspielhaus Zürich. Am Nationaltheater Mannheim hat sie 2019 die beiden ersten Bände von Elena Ferrantes „Meine geniale Freundin“ adaptiert. Nach der „Kohlhaas“-Premiere sollen in diesem Herbst die beiden anderen Bände folgen.

„Eine Prosaadaption ist immer eine subjektive Lesart, eine Fokussierung; für mich im Hinblick auf die Relevanz für das Jetzt“, sagt sie. „Das Theater hat so viele Ursprünge. Und Prosa gehört für mich ebenso dazu wie andere literarische Gattungen und künstlerische Formen. Man muss es nicht eingrenzen.“

Hat für „Kohlhaas“ Feuer gefangen: Regisseurin Felicitas Brucker
Hat für „Kohlhaas“ Feuer gefangen: Regisseurin Felicitas Brucker : Bild: Birgit Hupfeld

Performance und Literatur schlössen sich nicht aus, aber: „Die Musikalität der Sprache ist für mich wichtig.“ Kein Wunder, die 1974 in Stuttgart geborene und in Ludwigsburg aufgewachsene Regisseurin hat bis vor etwa zehn Jahren in diversen Bands Bassgitarre gespielt, Klavierspielen hatte sie schon mit fünf Jahren gelernt. Aber sie hat sich immer auch für Theorie begeistert: Badiou, Žižek, Luhmann – alle gelesen. Und doch: „Ich wollte Dinge erfinden. Ich glaube an die Transformation, daran, dass man einen Raum nach einem kollektiven Live-Erlebnis anders verlassen kann, als man ihn betreten hat.“ Nach einem Studium der Literatur-, Theater- und Kommunikationswissenschaften zog sie also mit einem DAAD-Stipendium nach London, um am Goldsmith College Regie zu studieren.

Durch Corona verändert

Nach zwei Jahren London kehrte sie zurück und ging als Regieassistentin gleich an die renommierten Münchner Kammerspiele. Dort begann sie auch selbst zu inszenieren. Als Gast inszenierte sie den „Urfaust“ (2008) am Berliner Maxim Gorki Theater, die „Orestie“ (2009), die „Jungfrau von Orleans“ (2012) und den „Prinz Friedrich von Homburg“ (2013) in Freiburg. Dann ging sie für fünf Jahre als Hausregisseurin ans Wiener Schauspielhaus in der Porzellangasse, wo sie sich dem Theater der Gegenwart widmete, 2014 etwa dem Roman „Aller Tage Abend“ von Jenny Erpenbeck. Sie inszenierte zeitgenössische und klassische Texte am Deutschen Theater Berlin und dem Theater Basel.

Vier Tage vor ihrer Premiere der „Politiker“ von Wolfram Lotz an den Münchner Kammerspielen im November kam der Lockdown. „Ich habe weitergearbeitet. Es war für mich essentiell, die künstlerische und inhaltliche Auseinandersetzung nicht abzubrechen.“ Aber das Pendeln zwischen den Proben in Deutschland und den Wochenenden in Paris hat es ihr schwer gemacht: „Tests in beide Richtungen.“ Seit Mai dann in Frankfurt der „Kohlhaas“. „Ich glaube, dass wir nach dieser Zeit der Isolation alles Gemeinschaftsbildende dringend brauchen, Orte, Rituale, in diesem Sinne ist Theater für unsere Gegenwart elementar.“ Corona hat sie verändert. „Was braucht man wirklich“, fragt sie sich, und: „Was ist die Essenz der Dinge?“

Micheal Kohlhaas: Die Premiere ist am 19. September um 18 Uhr, Tickets gibt es vom 10. September an.

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