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Michael Anthony Müller im Städel : In den Hades und zurück

Panorama aus 24 Stunden Malerei: Zwischen Museumsbau und Untergeschoss entfaltet sich im Städel Museum jetzt „Der geschenkte Tag.“ Bild: Norbert Miguletz

Ein Bild für jede Stunde des Tages: Der Berliner Maler Michael Anthony Müller hat im Städel Museum einen ganzen Saal mit einem Panorama versehen.

          2 Min.

          Entscheidend ist, dass wir im Rücken keine Augen haben“. Sagt Michael Anthony Müller. Was wir sonst nur aus den Tragödien des toten Winkels im Straßenverkehr kennen, die Ausnahmesituation, sich Rückwärtsaugen zu wünschen, hat ihm im Grunde die Erscheinungsform dessen vorgegeben, was nun auf gigantischen sechs mal 65 Metern im Frankfurter Städel Museum zu sehen ist. Müller musste sich vorstellen, was hinter ihm lag, woran er anschließen musste, auch wenn es nicht nur mangels Zweitauge nicht zu sehen war, sondern auch, weil er selbst es erst erfinden musste und wollte. Ohne Vorstudien, ohne großen Masterplan.

          Eva-Maria Magel
          Leitende Kulturredakteurin Rhein-Main-Zeitung.

          Wer jetzt in das sogenannte Metzler-Foyer geht, das Zwischengeschoss zum 20. und 21. Jahrhundert des Städel Museums, das stets aktuelle Präsentationen birgt, wird ordentlich durchgerüttelt. Denn „Der geschenkte Tag. Castor & Polydeukes“ fügt sich millimetergenau in diesen Raum, ein Panorama auf Leinwand, bis zu den Türfüllungen exakt eingepasst. Der Raum ist angefüllt mit Malerei. Dass der optische Coup mit einer Party eröffnet wurde, lag nahe – bei diesem Ensemble, das Effekt macht. Die von hellen Hauttönen mit türkisfarbenen Störfeuern bis zu tiefem Schwarz mit blutroten Wirbeln reichende Rundsicht aus 24 Teilen gibt dem Raum etwas Spektakuläres, man hat gut Lust, sich darin im Kreis zu drehen, bis die Farbschweife ineinander rutschen, immer wieder von dunkel nach hell nach dunkel, ein Tageslauf eben.

          Michael Müller
          Michael Müller : Bild: Robert Schittko

          Jedes Bildpaneel entstand zu einer festen Stunde

          Womöglich tun das manche Besucher sogar, bis das Übergangsfoyer wieder in seine weiße Routine für eine nächste Präsentation zeitgenössischer Kunst zurückkehrt. Und womöglich kommen sie damit sogar dem am besten auf die Spur, was Müller, Jahrgang 1970 , sich als Aufgabe für „Der geschenkte Tag. Castor & Polydeukes“ gestellt hat: Ausgehend vom Mythos der Zwillinge Castor und Polydeukes, den Dioskuren, die immer einen Tageslauf im Hades und auf dem Olymp verbringen, hat Müller jedes der 24 Bildpaneele, einen Tageslauf also, zu einer festen Stunde bearbeitet, malte, mit Pinsel oder der flachen Hand mal morgens um drei, mal mittags um 12, den eigenen Lebensrhythmus radikal umstürzend. Immer wieder Störungen in die Routine einzubauen, scheint ihm zwingend in seiner Kunst, das kann das Handwerkszeug betreffen oder das Material, für „Der geschenkte Tag“ war es nun auch ein Rhythmus.

          Das abstrakte Panorama, das den Blick durch Wiederholungen in Farben und Formen festhält, erhält einen Prolog durch einen Vorraum, der auf das Spiegelmotiv der göttlich-menschlichen Zwillinge eingeht. Weshalb eine gespiegelte Skulptur und Handzeichnungen yogischer Mudras, aber auch das Faksimile einer Pontormo-Zeichnung um 1520 aus der Graphischen Sammlung des Städels, die zwei Männer mit Spiegel zeigt, den Gang vom Olymp in den Hades beginnen. Denn unten, am Fuß der Treppe zum Gartensaal, hängen drei wiederum gespiegelte Zwillings-Gemälde Müllers, die an den Dioskuren-Mythos anschließen. Aus den Bildern selbst wird man darauf nicht kommen, auch wenn sie Farben und Formen vage fortführen. So wird der Effekt des Panoramas verlängert und Müllers Auseinandersetzung mit dem Mythos, aber auch mit unterschiedlichen Maltechniken und Herangehensweisen.

          Malen wie eine meditative Übung im Kloster

          Das Kleinformatigere sei lange sein Feld gewesen, sagte Müller anlässlich der Eröffnung seines Panoramas, nun tendiere er zu großen Bildern. Und als alle Welt sich in der Pandemie zurückzog, hat er die rhythmisierende tägliche Arbeit im eigenen Atelier entdeckt. Müller, der viele Jahre in einem indischen Kloster verbracht hat, scheint Disziplin, Demut und Durchhaltevermögen, auch den Charakter meditativer Übung mit in diese Arbeit genommen zu haben. Das wirkt auch dann, wenn man den Über- und Unterbau dieser Intervention zwischen Olymp und Hades nicht kennt.

          Der geschenkte Tag. Kastor und Polydeukes. Städel Museum Frankfurt, Schaumainkai 63, bis 19. Februar 2023.

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