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Moderne Gesellschaft : Wir haben keine Zeit

Die Relativität der Zeit

Wir könnten den Raum messen und auch die Zeit, erklärt Rezzolla. Komisch sei daran aber, zumindest auf den ersten Blick, dass diese Messungen nicht bei jeder Person dasselbe ergeben. Rezzolla kommt auf die Krümmung der Raumzeit zu sprechen und veranschaulicht anhand von Stuhl und Tisch die unterschiedlichen Punkte im Raum, die zu unterschiedlichen Messungen der Zeit führten. „Zeit ist relativ“, hält der Physiker fest: „Die Relativität sagt, dass die Messung der Zeit etwas anderes ergibt, wenn es um Geschwindigkeit geht, als wenn sie in der gekrümmten Raumzeit stattfindet.“    

Kaum einer denkt an die vierdimensionale Raumzeit, an Gravitation und die Krümmung des Raums, wenn von Zeit die Rede ist. Die physikalische Erklärung der Zeit ist nicht leicht zugänglich, und doch scheint sie vom alltäglichen Zeiterleben der Menschen gar nicht so weit entfernt. Absolute Zeit gibt es auch hier nicht. Zurück am Bahnhof, treffen wir an den Gleisen auf einen jungen Fotografen. Er ist achtundzwanzig Jahre alt, hat einen offenen Blick und sagt nachdenklich: „Was bedeutet mehr Zeit? Bedeutet das, dass ich tausend Jahre leben kann, wäre das mehr Zeit? Natürlich würde ich mir wünschen, dass ich mehr Lebenszeit hätte, sterben will ja nun mal keiner, aber es müsste natürlich auch irgendwie damit zusammenhängen, dass das auch eine gute Zeit ist, in dem Sinne bedeutet das, dass ich nicht für immer neunzig bin, sondern eher für immer dreißig, das wäre auch noch ok.“  

In der Bahnhofshalle begegnen wir wenig später einer Frau, die durch ihr zugewandtes und freundliches Wesen auffällt. Sie trägt einen langen pastellfarbenen Rock und hat graues, halblanges Haar. „Ich bin schon alt“, sagt sie, „ich bin über siebzig!“ Früher sei sie Konditorin gewesen. „Die Zeit reicht für mich aus“, fährt sie fort, „aber ich hätte gerne noch ein paar Jahre mehr. Das wäre schön! Denn die Zeit vergeht komischerweise im Alter viel schneller, als man gedacht hat. Aber schön! Ich lebe gern und bin zufrieden. Ich freue mich, wenn ich noch eine Weile Zeit habe.“

Der Tag geht zu Ende. Die Hektik am Bahnhof bleibt. An jeder Ecke scheinen wie in Michael Endes Geschichte „Momo“ unsichtbare graue Herren zu lauern, die den Menschen ihre Zeit stehlen. Doch Zeit, so haben wir von den Physikern gelernt, ist kein absolutes Diktum. Sie ist auch in der Gestaltung durch uns selbst relativ, also veränderbar. Momo erklärt es so: „Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen.“

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