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Moderne Gesellschaft : Wir haben keine Zeit

Zeit in der Epoche der Ökonomisierung

„Zeit ist etwas, was mir allein gehört“, bemerkt eine akkurat gekleidete Frau sehr bestimmt. Sie ist Ende vierzig und Angestellte in einem Betrieb. Fast klingt es wie der Slogan für ein Unternehmen, als sie kurz und bündig erklärt: „Zeit ist meine Währung des Lebens.“ Dann greift sie nach ihrem Rollkoffer und läuft weiter. Durch den Haupteingang des Bahnhofs kommen zwei ältere Damen, die uns bitten, ein Foto von ihnen zu machen. Sie sind geschminkt und zurechtgemacht und lachen viel. „Wenn ich mehr Zeit hätte“, sagt eine der beiden, „würde ich mich viel mehr dem Lesen widmen und langsam spazieren gehen und das Leben noch mehr genießen“. Zeit ist für die fünfundsechzigjährige Rentnerin etwas Endloses: „Zeit kann man nicht mit Geld kaufen, wenn man Zeit hat, ist man sehr reich.“

Von dem nicht-materiellen Charakter der Zeit scheint nicht jede Generation gleichermaßen überzeugt zu sein. Zwei Jungs laufen durch die Bahnhofshalle. Einer hat blonde, der andere braune Haare. Sie tragen Rucksäcke und sehen so aus, als seien sie gerade aus der Schule gekommen. „Zeit ist wichtig“, sagt der blonde Junge. Er ist zwölf Jahre alt. „Jeder braucht Zeit. Wenn ich jetzt keine Zeit habe, kann ich ja nichts machen, weil ich dann wieder zu einem Termin muss oder irgendetwas anderes machen muss. Und ich investiere meine Zeit meistens darin, dass ich irgendetwas mit Freunden unternehme.“ Sein elfjähriger Freund pflichtet ihm bei: „Zeit ist für mich eigentlich sehr wichtig, da ich Zeit sehr ins Lernen investiere, um dann auch gute Noten zu schreiben.“

Frankfurt, die Stadt der Banker. 2016, mitten im Zeitalter der Ökonomisierung. Zeit wird nicht mehr erlebt, sie wird „investiert“. Und so wie es aussieht, schon von Kindesbeinen an. Wo aber liegen die Ursprünge dessen, was wir als Zeit erfahren und bezeichnen? Jenseits sozialpsychologischer Betrachtungen ist Zeit zunächst einmal eine physikalische Größe. Wie steht also ein Physiker zum Phänomen der Zeit? Wie würde er Zeit für ein Publikum definieren, das im physikalischen Denken nicht geschult ist? Wir fahren zum Institut für Theoretische Physik der Goethe-Universität Frankfurt, um das herauszufinden.

Der Astrophysiker Luciano Rezzolla, Experte auf dem Gebiet der Allgemeinen Relativitätstheorie von Albert Einstein, empfängt uns in seinem Büro mit den Worten, dass er sehr gerne über Zeit spreche, aber dafür eigentlich überhaupt keine Zeit habe. Die Ironie, die in dieser Aussage liegt, scheint er gar nicht zu bemerken. Trotz seines vollen Terminkalenders nimmt er sich schließlich die Zeit für ein Interview, um in wenigen Sätzen sein wissenschaftliches Lebensthema zu umreißen:

„Zeit ist aus physikalischer Sicht ganz einfach zu definieren“, erklärt er freundlich. Hinter ihm hängt ein Whiteboard, auf dem lauter physikalische Formeln stehen. Schnell ist klar: Die Erforschung der Zeit findet in einer anderen Welt statt. Jedem Nicht-Physiker bleibt sie in ihren Tiefen verschlossen. Rezzolla findet trotzdem verständliche Worte für die komplexen Zusammenhänge, die er beschreibt: „Zeit ist von derselben Art wie der Raum. Es gibt keinen Unterschied. Normalerweise denken wir, Raum und Zeit sind zwei verschiedene Sachen, aber die Relativitätstheorie besagt, dass Raum und Zeit gleich sind.“

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