https://www.faz.net/-gzg-8hfh3

Moderne Gesellschaft : Wir haben keine Zeit

Brauchen wir den Griff zur Notbremse?

Die Zeitstrukturen der Menschen scheinen so monoton zu sein wie die Geräuschkulisse des Bahnhofs, die ohne Unterbrechung immer weiterläuft. Fast könnte man meinen, der moderne Mensch sei nicht mehr Herr über seine eigene Zeit, sondern die Zeit über ihn. Ist ein „Griff zur Notbremse“ erforderlich, um die erlebte Dynamisierung auf ein solches Maß herunterzuschrauben, dass die Menschen wieder selbstbestimmter mit ihrer Zeit umgehen können? So einfach ist das nicht, erläutert der Soziologe Hartmut Rosa in seinem Buch über Beschleunigung: „Fortschritt und Beschleunigung waren von Anfang an unauflösbar miteinander verknüpft; sie wurden beide als unaufhaltsam gedacht.“ Der Griff zur Notbremse käme daher einem „Ausstieg aus dem Modernisierungsprozess überhaupt“ gleich.

Keine Beschleunigung, kein Fortschritt? Wann aber ist das Ende der Beschleunigung erreicht?

Ein alter Mann mit Rollator steht vor einem Bäckerstand neben den Bahngleisen. Er guckt griesgrämig und stöhnt genervt, als wir ihn ansprechen. „Ich bin 1936 geboren“, grummelt er vor sich hin. „Zeit? Ich hab’ Zeit. Immer. Von Monat zu Monat. Bis die Rente wiederkommt.“ Er schweigt. „Noch mehr Zeit gibt’s nicht“, schimpft er schließlich weiter, „geht nur vierundzwanzig Stunden, die Uhr.“ Und er habe jetzt auch gar keine Zeit mehr, sich darüber zu unterhalten, weil sein Zug gleich losfahre. Der alte Mann beendet das Gespräch und wendet sich ab. Eine Stunde später steht er immer noch da. Züge kommen an und fahren wieder ab. Der alte Mann bleibt an seinem Platz. Es vergeht eine weitere Stunde. Der alte Mann schlurft zwei Schritte nach rechts, drei Schritte nach links, dann verharrt er wieder in seiner Position. Mit leerem Blick schaut er in die Bahnhofshalle. Die Bahnhofsuhr läuft immer weiter, Minute für Minute, Stunde für Stunde. Die Zeit vergeht.

Zeit ist nicht nur relativ. Sie ist auch ein Argument – selbst wenn es als Vorwand benutzt wird, es überzeugt immer. Keiner würde die Zeit hinterfragen. Zeit ist gegeben, sie ist unser Lebensschicksal, dem wir uns nicht entziehen können. „Als ich in einem Laden eine Uhr für einige hunderttausend Euro entdeckte“, erzählt ein pensionierter katholischer Pfarrer auf dem Weg zum Zug, „habe ich mir gedacht, wenn schon ein Chronometer, so ein Zeitmessgerät, so wertvoll ist, wie wertvoll ist dann erst die Zeit!“

Eine Gruppe von Schülern steht auf dem Bahngleis und wartet auf den Zug. Die Stimmung ist fröhlich und ausgelassen. Eine fünfzehnjährige Schülerin mit langen rotbraunen Haaren und großer Statur lacht laut und redet drauf los: „Eigentlich ist Zeit etwas, das man viel mehr bräuchte und nie hat. Beispielsweise weil man für die Schule noch viel lernen muss und man noch bis in die Nacht dasitzt, um zu lernen, damit man einigermaßen gut ist, und am Ende läuft einem wirklich die Zeit davon.“ – „Zeit ist für mich vieles“, fügt ihre Mitschülerin hinzu. Sie hat lange dunkle Locken und große braune Augen. „Zum Beispiel der Moment, wenn irgendetwas total schön ist, sich daran zurückzuerinnern, auch an die Gefühle, wie das war, ob es schön war oder ob es etwas Trauriges war. Zeit ist auch das ganze Leben, was alles so passiert, von Anfang an, von der Kindheit bis zum Älterwerden.“ Hätte sie mehr Zeit, würde sie verreisen „und da einfach ganz lange bleiben“, sagt sie verträumt. Ein Zug fährt ein.

Weitere Themen

Klassische Kraftpakete

Dieselloks : Klassische Kraftpakete

Für das Rangieren der Intercity-Züge im Frankfurter Hauptbahnhof sind bis zu vier alte Dieselloks im Einsatz. Die zuverlässigen Arbeiter der Baureihe V 60 sind mehr als 50 Jahre alt.

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.