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Matthias Redlhammer im Porträt : „Hiob“ aus Fleisch und Text

In Frankfurt hat er als Junge seine ersten Theaterstücke gesehen. Damals konnte sich Matthias Redlhammer noch nicht vorstellen, dort selbst Schauspieler zu sein. Bild: Samira Schulz

„M“ heißt Joseph Roths Mendel in der Bühnenfassung von Johanna Wehner. M wie Matthias Redlhammer, der ihn am Schauspiel Frankfurt spielt. Dabei begann sein Berufsweg nicht als Schauspieler, sondern als „Gartenbauhilfsarbeiter“.

          3 Min.

          Dieser Mann, den das Schicksal trifft, der seine Gottesfurcht kurz verliert und am Ende umso stärker wiedergewinnt – ja, ist es überhaupt ein gutes Ende? Man wird sehen. Dieser Mann jedenfalls heißt Mendel Singer. So hat ihn Joseph Roth genannt, Hauptfigur seines Romans „Hiob“, 1930 zuerst erschienen als Fortsetzungsroman in der „Frankfurter Zeitung“. Nun kommt Hiob alias Mendel auf die Bühne des Schauspiels Frankfurt. Bei Regisseurin Johanna Wehner aber, die eine eigene Fassung aus Mendels Wanderung durch Russland und Amerika, durch Leid und Verlust verfasst hat und nun inszeniert, heißt der rothsche Hiob namens Mendel nur noch M.

          Eva-Maria Magel
          Leitende Kulturredakteurin Rhein-Main-Zeitung.

          M wie Matthias. Matthias Redlhammer, der in dem vielstimmigen Kanon von Sätzen und Geschichten allmählich erst zu Mendel werden wird und erst einmal, wie seine Mitspieler Caroline Dietrich, Heidi Ecks, Stefan Graf, Agnes Kammerer, Nils Kreutinger und Christoph Pütthoff nur aus den Buchstaben des eigenen Vornamens besteht. Und aus Sätzen, die Wehner beinahe allesamt aus dem Originaltext des Romans genommen hat. Die aber wie durch den Raum wandernd aus den Körpern der Schauspieler zu einer sehr heutig anmutenden Vielstimmigkeit werden.

          Ein undramatischer Mensch

          „Es mündet in einen Sog. Ich hoffe, dass es den geben wird“, sagt Redlhammer. Den Gedanken Plastizität, den Worten Fleisch zu geben auf der Bühne – das sei doch schließlich der Grund, warum der „Hiob“ nun gespielt werde. Sonst, sagt Redlhammer mit einem ganz kleinen Lächeln, könne man ja auch einfach das Buch unter den Zuschauern verteilen. Redlhammer ist keiner, der im Brustton der Überzeugung spricht. Der genau abwägt und nachdenkt, was und wie er formuliert. Und mit leiser Selbstironie meint, er mache sich zwar Gedanken – aber ob dabei etwas herauskomme, sei doch zweifelhaft.

          Es ist keine Rolle, in die man hineinschlüpfen kann, die er jetzt spielt. Sondern Arbeit an einem Text, der nicht einfach anzueignen ist und einen schon auch nach den Proben umtreiben kann. Wie erträgt einer das, was diesem Mendel widerfährt, wo setzt der Zweifel ein bei einem so gläubigen Menschen? Ein Wort, das man mit „Hiob“ verbindet, verwendet auch Matthias Redlhammer, wenn er Auskunft über seinen Werdegang gibt: „Schicksal“. Allerdings in ganz und gar undramatischer Weise. Wie er überhaupt so gar nicht dazu neigt, Aufhebens zu machen.

          Seine Wege jedenfalls haben ihn mehrfach nach Frankfurt geführt, seine erste Eignungsprüfung sogar hat er in diesem Gebäude abgelegt. In der Intendanz von Elisabeth Schweeger hat er drei Spielzeiten lang immer wieder gastiert, und jetzt ist er am Schauspiel Frankfurt gewissermaßen sesshaft, in der fünften Spielzeit und dazu im 41. Jahr des Berufs. Redlhammers Liebe zum Theater hat an diesem Haus seinen Ursprung gehabt – „wie es eben so läuft im Leben“, sagt er.

          Erst mäandernd, dann geradeaus

          1957 in Köln geboren, zogen die Eltern mit ihm nach Hofheim am Taunus, als er neun war. „Langweilig“ ist das Wort, das ihm dazu einfällt. Nicht langweilig, ungeheuer aufregend dagegen, waren die Ausflüge ins Theater: Die Mutter spendierte zehn Mark, „das hat für ein Schülerticket, die Bahn und eine Cola in der Pause gereicht“, erinnert sich Redlhammer an seine Ausflüge als Schüler. Gesehen hat er ihn elektrisierendes Schauspiel der Palitzsch-Zeit, erinnert sich an Barbara Sukowa, Christian Redl, Klaus Wennemann – „das war wundervoll“.

          Auf die Idee aber, selbst Schauspieler zu werden, ist er Jahre nicht gekommen. Der Groschen fiel in einem Theaterseminar, im Germanistik-Studium an der Uni Marburg, Jahre später. Dass man das lernen kann! Da hatte der Abiturient schon den Zivildienst und anderthalb Jahre als „Gartenbauhilfsarbeiter“ im Palmengarten hinter sich. „Der Zweifel, ob man es kann“, sagt er, sei immer groß gewesen bei ihm. Aber auch die Sehnsucht, etwas Praktisches, etwas Schwieriges zu machen. „Kreativ“ sagt Redlhammer nicht. Journalist hätte er vielleicht auch werden können oder Kameramann, sagt er. Aber damals in Marburg beschloss er, an eine Schauspielschule zu gehen. So mäandernd Redlhammers Weg angefangen haben mag, von da ging es ziemlich geradeaus: Schauspielschule Bochum, Erstengagement in Bochum bei Klaus Peymann, Wechsel mit diesem ans Wiener Burgtheater. Dann kam das Berliner Schillertheater, darauf eine freischaffende Phase, denn zuvor war seine Frau, die Regisseurin ist, oft ihm gefolgt, dann ging es ein paar Jahre andersherum, und er reiste.

          Und weil das eigene Wesen und die Wege so sind, kam er 2010 wieder ans Schauspiel Bochum, wo Anselm Weber Intendant war, bis der Wechsel nach Frankfurt folgte. Das kann so bleiben, für Redlhammer, der jetzt 65 Jahre alt ist. In der Pandemie war er einer derjenigen, dem das Auftreten gar nicht so sehr gefehlt hat. Er habe es, fest engagiert und weiterbezahlt, gut gehabt, sagt er ernst. Außerdem sei es ein Geschenk, noch andere Fertigkeiten und Interessen zu haben. Seit vielen Jahren fotografiert er, kombiniert aus konkreten eigenen Vintage-Dias mit allerhand Verfremdungen neue, abstrakte Fotografien, hat auch schon ausgestellt. Irgendwann will er seine Arbeiten auf einer eigenen Internetseite präsentieren. Wenn mal Zeit und Energie dafür bleibt. „Es geht viel um Unschärfe. Das kommt mir sehr entgegen. Dass man sich nicht festlegt, sondern im Vagen, Träumerischen bleibt.“

          „Hiob“ hat am 7. Mai Premiere am Schauspiel Frankfurt, weitere Vorstellungen von 15. Mai an.

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