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"Die Unbeständigkeit der Liebe" in Mainz : Immer wieder lugt der Schalk um die Ecke

Inszeniert Marivaux in Mainz: Felix Prader Bild: Renaissance-Theater Berlin

Liebe, wie macht sich das? Wie kommt das Gefühl, wie geht es? Pierre Carlet de Marivaux war ein Meister darin, im winzigen Umfeld die Hetzjagd der Gefühle auf die Bühne zu bringen. Seine „Die Unbeständigkeit der Liebe“ ist in Mainz zu sehen.

          Liebe, wie macht sich das? Wie kommt das Gefühl, wie geht es, vom Warum ganz zu schweigen? Pierre Carlet de Marivaux war ein Meister darin, im winzigen Umfeld die Hetzjagd der Gefühle auf die Bühne zu bringen – und dass seine Figuren noch Commedia dell’arte-Namen tragen wie Arlequin oder Flaminia, sind nur die äußeren Reste der alten Komödie: Innen geht es modern zu, beinahe würde man sagen zynisch, bei dieser fast erschreckend guten Menschenkenntnis. Doch immer lugt der Schalk um die Ecke und eben auch: Menschenfreundlichkeit.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Felix Prader hat für seine Inszenierung der 1723 uraufgeführten „Unbeständigkeit der Liebe“ auch mit seiner eigenen, zeitgenössischen, aber nicht übertrieben zeitgeistigen Übertragung ins Deutsche dafür gesorgt, dass man das keinen Moment in zwei äußerst kurzweiligen Stunden vergisst. So sitzt jetzt im Kleinen Haus des Staatstheaters Mainz Silvia, die hübsche Maid vom Lande, zusammengekauert am Bühnenrand und versteht mit dem Kopf nicht mehr, was ihr Herz treibt. Das Gefühl ist unfair und spielt mit ihr: In aller Unschuld hat sie Arlequin geliebt, jetzt schlich, wiederum in aller Unschuld, eine andere Liebe hinein. Hat sie nicht die Pflicht, Arlequin treu zu bleiben?

          Schöne Kleider, Eifersucht, Eitelkeit

          Die Unbegreiflichkeit der Liebe ist die eine Sache, die Marivaux vorführt. Die andere, amüsantere, ist jene, die Silvia nicht kennt, aber alle, die ihr auf dem Theater zusehen: Die Intrige, mit der sie dazu gebracht wird, eine Liebe sausen zu lassen und eine andere aufzunehmen. Eine Intrige, in der nicht nur ein dörflicher Geliebter und ein schmucker Offizier eine Rolle spielen, sondern auch schöne Kleider, Eifersucht, Eitelkeit und ein paar andere Kleinigkeiten. Und die, bei Licht besehen, allen nur Vorteile bringt. Ist es doch ein waschechter Prinz, der um das Dorfmädchen Silvia freit, sie entführen lässt und, mit einigen Tricks seiner besten Untergebenen, für sich gewinnt. Und seine rechte Hand, die das ganze Spiel eingefädelt hat, die kesse Flaminia, bekommt Arlequin, dessen rustikaler Charme eine ebensolche erfrischende Abwechslung für das mit allen Wassern gewaschene Hofmädchen ist wie der kindliche Liebreiz Silvias für den überfeinerten Prinzen.

          Der Logik dieser aufgeräumten Verhältnisse entspricht am Kleinen Haus des Staatstheaters Mainz das Bühnenbild (Werner Hutterli): Mondrians grundfarbig bunte Quadraturen öffnen sich zu hohen Flügeltüren, kalkulierte Rechtecke, die ins Schwarze führen, Wände, die sich reinweiß verschließen, um alsbald wieder die bunten geometrischen Figuren zu zeigen. Ihre Farben wiederholen sich in den schicken Kostümen (Ute Noack), das Spiel der Gefühle in der ersten „Gnossienne“ Eric Saties (Klavier: Peter Halasz), die sich immer weiter zu einem Staccatorausch verfremdet. Mit rechten Winkeln und als Rechenaufgabe nämlich mögen andere die Liebesdinge betrachten und sogar, zuweilen, steuern können: Die Unbegreiflichkeit der Liebe überwältigt schließlich auch jene, die sie eingefädelt haben – wenn die Gelegenheit günstig ist.

          Die Liebesblödigkeit, ins Bild gesetzt

          Unter dieser zeitlos schönen, hübschen Prämisse kann man in Praders Regie einen Abend wie aus einem Guss sehen, in dem sich die Schauspieler der Worte und des Raumes lustvoll und souverän bedienen. Der mädchenhafte Charme Silvias, den Katharina Knap trotz einer Armverletzung geradezu sportiv ausspielt, wird kontrastiert von der Straßenjungennaivität, die Tim Breyvogel in Labberjeans und Strickmütze als Arlequin an den Tag legt. Dass sie beide leicht korrumpierbar sind, die eine durch Provokation und Geschmeide, der andere durch gutes Essen, mündet immer wieder in einen geradezu fernsehserienreifen Umgangston, der hübsche Kontraste und vor allem viele kleine zusätzliche Gags erlaubt: Eine Art „Marivaudage“ des 21. Jahrhunderts. Dabei tut sich Julia Kreusch als Flaminia hervor, deren burschikoses Spiel hier reizvoll zur Geltung kommt. Ihr Prinz (Zlatko Maltar) gibt einen von den eigenen Gefühlen überwältigten Jungherrscher, der seiner Machtfülle zum Trotz das ganze Gegenteil eines selbstsicheren Typs ist.

          Flankiert von Michael Schlegelberger als vordergründig kühlem Fädenzieher Trivellin, der sich schließlich als unglücklich Liebender entpuppt, Antje Härle und Joachim Mäder als Hofschranzen, wird das Liebeskalkül zu einer höchst amüsanten Angelegenheit, die immer mehr einer unlösbaren Rechenaufgabe ähnelt – selbst wenn die Richtigen sich finden. So ist es nur folgerichtig, dass am Ende, wenn alle sich in den Armen halten, ein riesiger, an Pollocks „dripping paints“ erinnernder Prospekt Mondrians Rechtecke ersetzt: Die Liebesblödigkeit, ins Bild gesetzt. Das Publikum war begeistert.

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