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Marcel Reich-Ranicki wird 90 : Roter Teppich für den Meister

Ein ungewöhnliches Leben: Marcel Reich-Ranicki wird 90 Jahre alt. Bild: Helmut Fricke

Marcel Reich-Ranicki wird am Mittwoch 90 Jahre alt. Im Museum Judengasse geben Grass und Kollegen ein virtuelles Fest für Deutschlands bekanntesten Literaturkritiker.

          Was schenkt man Marcel Reich-Ranicki zum 90. Geburtstag? Einem Mann, der doch alles hat und alles erreicht hat? Das Jüdische Museum hatte eine Idee. Am Sonntag um 17 Uhr wird der Literaturkritiker diese Idee im Museum Judengasse in Augenschein nehmen. Zusammen mit einigen hundert Gästen, die sich schon jetzt zur Eröffnung der Reich-Ranicki-Ausstellung angemeldet haben.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wie es sich für einen Star gehört, den jeder Tankwart und jede Friseuse kennt, haben die Ausstellungsmacher Monika Boll und Erik Riedel eine roten Teppich ausrollen lassen. Wenn Reich-Ranicki ihn entlangschreitet, werden ihn von rechts und links viele alte Bekannte grüßen: Heinrich Böll, Walter Jens, Siegfried Lenz, Erich Fried, Jean Améry – die Blüte der deutschen Nachkriegsliteratur. Sogar illustre Gäste aus Amerika haben sich eingefunden. Diesen Geburtstag konnten Arthur Miller oder John Updike einfach nicht auslassen.

          Aschenputtel Ulla

          Die berühmten Schriftsteller sind in Form von Büchern aus Marbach am Neckar angereist. Für einige Wochen haben sie das Deutsche Literaturarchiv dort verlassen, um jenen Mann zu grüßen, der sie einst streng geprüft hat. Allen diesen Büchern ist gemeinsam, dass sie Widmungsexemplare sind, handsigniert von den Autoren und von ihnen mit einem eindeutigen oder zweideutigen Lob auf ihren literarischen Richter versehen. Dass Reich-Ranicki deutscher Meister der spitzen Feder ist, hat selbst ein anderer Großkritiker, der Tübinger Professor Walter Jens, anerkannt. „Meinem lieben Marcel, dem Trumpf-As der deutschen Literaturkritiker, in neidloser Bewunderung“, schrieb er 1962 in ein Rowohlt-Taschenbuch, das seinen Roman „Der Mann, der nicht alt werden wollte“ enthielt. Ob die Bewunderung tatsächlich immer neidlos war?

          Ulla Hahn dagegen darf man ihre Hochachtung und Dankbarkeit getrost glauben. Sie hat ihre Verehrung in den Satz gegossen: „Für den, der mich am 19. Juli 1979 in Wien zur Welt brachte und seither großzieht.“ Dahinter steht die Geschichte vom Aschenputtel Ulla, die in einem Fernsehstudio dem Prinzen Marcel begegnete, von diesem auf den geflügelten Pegasus gehoben wurde und in den literarischen Himmel entschwebte.

          Wertvolles vermacht

          Heinrich Böll hingegen musste Reich-Ranicki nicht dankbar sein. Eher war in diesem Fall der Kritiker dem Dichter verpflichtet. Böll hatte den vielversprechenden jungen Intellektuellen schon Mitte der fünfziger Jahre in Polen kennengelernt und ihm 1958, als Reich-Ranicki in Deutschland nach einer Zukunft suchte, die nötigen Visen verschafft. „Ihnen und Ihrer Frau widme ich dieses Buch als kleine Weihnachtsgabe in diesem Land, das zwar nicht fremd für Sie ist, aber doch ein anderes Land“, schreibt er 1958 in eine Ausgabe mit Kurzgeschichten, herausgegeben unter dem Titel „Doktor Murkes gesammeltes Schweigen und andere Satiren“.

          Alle diese Bücher mit persönlicher Widmung standen lange in Reich-Ranickis Bücherregalen im Frankfurter Dichterviertel. Jetzt sind die meisten der früher stets überfüllten Regale in seinem Arbeitszimmer leer. Reich-Ranicki braucht viele Bände nicht mehr. Die Kostbarkeiten, Bücher mit Widmung also, hat er schon vor geraumer Zeit zu einem Gutteil dem Marbacher Literaturarchiv vermacht. Dort hat sie das Jüdische Museum für diese Ausstellung ausgeliehen.

          „Demokratie wird durch Kritik geradezu definiert“

          Die Zeichnungen, die einst über des Kritikers Schreibtisch und Sofa hingen, hat Reich-Ranicki dem Jüdischen Museum anvertraut. Die Kuratoren haben sich für die Ausstellung aus diesem Schatz bedient. Max Frisch, gezeichnet von Otto Dix, blickt von der Wand aus auf die Geburtstags-Gesellschaft, vier Plattfische aus der Zeichenfeder von Grass stieren als literarisches Quartett in die Runde.

          Ja, das literarische Quartett. Es hat in dieser Ausstellung überlebt in Gestalt zweier schwarzer Le-Corbusier-Sessel. Leider sind es nicht die Originale aus Mainz, aus denen Reich-Ranicki, Hellmuth Karasek und Sigrid Löffler den literarischen Zeigefinger gegeneinander erhoben haben. Am Anfang, dies sieht man auf dem die erste Sendung des Quartetts abspielenden Monitor im Ausstellungsraum zwei, war noch Jürgen Busche dabei. Dieser Raum ist dem Kritiker Reich-Ranicki gewidmet, der einmal bemerkt hat: „Demokratie wird durch Kritik geradezu definiert.“

          Ein ganz ungewöhnliches Leben

          Die Bezeichnung „Literaturpapst“ hat Reich-Ranicki immer missfallen. Denn er ist nicht unfehlbar wie der Papst und nicht so friedfertig wie das Kirchenoberhaupt. „Im Interesse der Literatur kann ich nicht zu streng sein. Mein Schützling ist auch mein Opfer.“ Diesen und andere markante Sätze Reich-Ranickis haben die Ausstellungsmacher mit großformatigen 3D-Buchstaben auf Stelen geschrieben, die vom Fußboden bis zur Decke reichen. Darüber huschen als Licht-Projektionen Negativ-Sätze über Kritiker wie etwa Goethes Verdikt: „Schlagt ihn tot den Hund, er ist ein Rezensent!“

          Erst im dritten Raum tritt einem der Mensch Reich-Ranicki mit seiner bewegten Biographie entgegen. Im Fichte-Gymnasium in Berlin-Wilmersdorf hat er 1938 Abitur gemacht, aus einem Klassenfoto heraus blickt einen ein noch schmächtiger junger Mann an. Kurze Zeit später wird er dorthin ausgewiesen, woher sein Vater Jahre zuvor gekommen ist, nach Polen. Warschauer Ghetto, Flucht, Überleben im Versteck bei dem Setzer Bolek Gawin und seiner Frau Genia, denen er Geschichten aus der großen Literatur erzählt hat, auf dass sie ihn und seine Frau Teofila nicht rauswarfen.

          Auf einem späteren Bild steht er als polnischer Vizekonsul in London neben seinem Dienstwagen. Reich-Ranickis Geschichte ist nachzulesen in dem autobiographischen Buch „Mein Leben“. Es ist ein ganz ungewöhnliches Leben.

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