https://www.faz.net/-gzg-ou6e

: Manisch-depressiver Diderot: Felix von Manteuffel und Albert Kitzl spielen "Rameaus Neffe" im Frankfurter Schauspiel

  • Aktualisiert am

Ein geistreicher Text vertan. Ganz ohne Regisseur geht's eben doch nicht. Das haben Felix von Manteuffel und Albert Kitzl jetzt im Kleinen Haus des Frankfurter Schauspiels bewiesen, wo sie Denis Diderots Dialog "Rameaus Neffe" in Eigenregie aufführten.

          2 Min.

          Ein geistreicher Text vertan. Ganz ohne Regisseur geht's eben doch nicht. Das haben Felix von Manteuffel und Albert Kitzl jetzt im Kleinen Haus des Frankfurter Schauspiels bewiesen, wo sie Denis Diderots Dialog "Rameaus Neffe" in Eigenregie aufführten. Ein Experiment. Warum nicht? In Zeiten, da Regisseure kaum noch Schauspielertheater zulassen, müssen die Mimen sich eben selber helfen. Aber doch nicht so. Ein Regisseur hätte einen exaltierten Schauspieler wie Kitzl vielleicht zurückgehalten, Diderot niederzubrüllen, und einem verinnerlichten wie Manteuffel etwas auf die Sprünge geholfen. Wer geneigt ist, "Ich" und "Er" als die zwei Seelen in der Brust des französischen Philosophen zu betrachten, begegnet im Schauspiel nun einem manisch-depressiven Diderot.

          Der satirische Dialog, den der Enzyklopädist um 1762 niederschrieb und bis 1774 mehrmals überarbeitete, ist zu seinen Lebzeiten nicht mehr erschienen. Goethes Jugendfreund Maximilian Klinger entdeckte eine Abschrift in der St. Petersburger Eremitage, wo Zarin Katharina die Bibliothek Diderots als rechtmäßige Erbin hütete. Über die Vermittlung Schillers und Melchior Grimms gelangte das Manuskript in Goethes Hände, der es dann auch gleich übersetzte. Abermals ging der französische Text verloren, so daß die Franzosen ihren Diderot 1821 aus dem Deutschen rückübersetzten. Erst 1891 fand sich das Original von 1774 bei einem Bouquinisten am Seine-Ufer.

          Die kuriose Geschichte dieses Textes interessierte die beiden Schauspieler offenbar nicht. Goethes kongeniale Übersetzung war ihnen zu kompliziert. Deshalb hat Kitzl gemeinsam mit Niki Wolcz eine Neuübersetzung von Raimund Rütten für die Bühne bearbeitet: mit einer Paraderolle für sich selbst und einem aufgeklärten Stichwortgeber, dem eigentlichen "Moi" Diderots, das in seinem Stammcafe vielleicht dem eigenen Schatten, zumindest aber einem verkommenen "Er" in Gestalt von Rameaus Neffen begegnet. Dieser Musiker, der kein großes Werk zustande bringt wie sein berühmter Onkel, schlägt sich als Schmarotzer in den Palästen der Reichen durch, weil er aufs Wohlleben nicht verzichten will. Ein Tagedieb, ein Possenreißer vor den Müttern seiner unfähigen Klavierschülerinnen, kriecht er unter jeden Rock und frißt aus allen Tellern.

          Dagegen wirkt Diderot fast prüde. Aber wie Diogenes in der Tonne, sein gepriesenes Vorbild, wollte er auch nicht leben, sondern hat lieber Mathematik unterrichtet, die er selbst nicht beherrschte. Und doch: Der Neffe, den Kitzl hier vorführt, ist ein derart widerwärtiges Subjekt, daß seine Lebensführung den Philosophen kaum noch als Versuchung tangieren kann. "Ich" und "Er" sind in diesem Bühnen-Bistro so weit voneinander entfernt, daß nicht einmal eine Spannung zwischen den beiden Polen aufkommt. Es gelingt Kitzl nicht, die Tragik des Epigonen ohne kreative Energie, das echte Elend der Boheme zu vermitteln oder gar Analogien zur filzigen Buckelei im Kulturbetrieb der Gegenwart freizulegen. Er brüllt nur und outriert die Faxen des Hofnarren. Und von Manteuffel sieht ihm mitfühlend bis herablassend zu. Das ist auch zu wenig. CLAUDIA SCHÜLKE

          Nächste Vorstellung am 5. Mai um 19.30 Uhr.

          Weitere Themen

          Zum ersten Mal auf dem neuen alten Goetheturm Video-Seite öffnen

          Wahrzeichen steht wieder : Zum ersten Mal auf dem neuen alten Goetheturm

          Er erstrahlt fast wieder in seinem alten Glanz - der Frankfurter Goetheturm. Und gäbe es Corona nicht, würde Frankfurt dieses Wochenende zu einer Eröffnungsfeier einladen. Zumindest ein kleiner Kreis konnte das Wahrzeichen am Freitag schon mal genauer in Augenschein nehmen.

          Der Goetheturm ist wieder da

          Frankfurter Wahrzeichen : Der Goetheturm ist wieder da

          Drei Jahre nachdem der Aussichtsturm am Frankfurter Stadtwald durch Brandstiftung bis auf die Fundamente niedergebrannt war, ist er nun wieder vollständig hergerichtet und sieht praktisch aus wie der alte.

          Topmeldungen

          Es ist fünf vor zwölf: Agentur für Arbeit in Hamburg

          Beschäftigungsquote : Die Lücken der Arbeitslosenstatistik

          Viel mehr Menschen, als es die offizielle Quote zeigt, haben derzeit nichts zu tun. Das gilt auch für Deutschland, wo viele Menschen in Kurzarbeit gehen mussten.
          Der bayerische Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende Markus Söder am Samstag in seinem Büro

          Rede beim virtuellen Parteitag : Großes Kino mit Markus Söder

          Der CSU-Chef erklärt den Delegierten ausführlich seine Corona-Politik und gibt sich dabei demonstrativ sprachsensibel. Eine zentrale Rolle bei der Inszenierung spielt eine Tasse – mit „Game of Thrones“-Motto.
          Nicht nur der Schalker Mark Uth (rechts) wollte gar nicht mehr hinsehen.

          1:3 gegen Bremen : Der nächste Schalker Absturz

          Nach dem 0:8 beim FC Bayern verlieren die Königsblauen auch das Duell der Krisenklubs. Ein Bremer Stürmer schießt Schalke im Alleingang ab. Und die Tage von Trainer David Wagner könnten bald gezählt sein.
          Blick in die Zukunft: Mitarbeiter am Zentrum für taktiles Internet in Dresden arbeiten mit einem Roboter

          Robotik-Standort Dresden : „Eine Riesenrevolution steht uns bevor“

          Dresden hat sich seit 1990 zu einem Hightech-Standort entwickelt. Das liegt an der Geschichte, vor allem aber an den Menschen. Sie haben sich schon oft neu erfunden. Bald will die Stadt zu den führenden Robotik-Zentren Europas gehören.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.