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Man Ray-Schau in Aschaffenburg : Magie der Dinge

Kunst der Zusammenstellung: Das Multiple „Indestructible Object“ (1923/65) besteht aus einem Metronom, einer Heftklammer und einem Foto. Bild: Man Ray VG BIld Kunst Bonn 2021

Die Aschaffenburger Kunsthalle Jesuitenkirche zeigt das Werk von Man Ray in 130 Fotografien, Zeichnungen und Objekten. Der Künstler spielte besonders gern mit Objekten und blickt auf Traum und Wirklichkeit.

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          Mit einem großen Schachspiel in einer Vitrine werden die Besucher zu Beginn der Man-Ray-Ausstellung in der Aschaffenburger Kunsthalle Jesuitenkirche konfrontiert. Es steht für das Spiel und die Freude – Haltungen, die für den Dadaisten und Surrealisten Man Ray essenziell waren. Seine Objekte und Bilder entstanden aus Freude am Spiel, natürlich mit intellektuellem Hintergrund, und entwickelten sich manchmal aus dem Zufall, dem er sich bewusst aussetzte.

          Katharina Deschka
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Den „objektiven Zufall“ zu feiern, den hasard objectif, wie André Breton ihn nannte, mache die Kunst der Surrealisten aus, sagt die Leiterin der Kunsthalle Jesuitenkirche, Christiane Ladleif. Man Ray, den großen Vertreter jener Surrealisten genannten Gruppe von Künstlern, die mit einem Wort Bretons die „Überwirklichkeit“ erforschten, in der die „scheinbar so gegensätzlichen Zustände von Traum und Wirklichkeit“ sich auflösen, zeigt die Aschaffenburger Jesuitenkirche mit mehr als 130 Fotografien und Objekten, Zeichnungen und Gemälden als „Magier auf Papier“, so der Titel der Schau.

          Zitiert bis in die Gegenwart

          Für seine Fotografien ist Man Ray, der 1890 in Philadelphia geboren wurde, dann in New York und später in Paris lebte, wo er 1976 starb, vor allem bekannt geworden, und folgerichtig werden Ikonen seiner Fotokunst in der Apsis des ehemaligen Kirchenraums gezeigt: „Larmes“ (1930 bis 1932/91), das tränende Auge, auf der einen, „Érotique voilée“ (1933/2016), die schwarz bemalte Meret Oppenheim an der Druckerpresse, auf der anderen Seite. Dazwischen eine Wand voller Frauen, seine „Femmes“, meist Akte ernst in die Kamera blickender Damen, die es schaffen, unbekleidet lesend oder auch nur in einen Pelzmantel gehüllt, sinnlich und nachdenklich zugleich auszusehen.

          Unmittelbar präsent wirken diese Frauen, und dass sie vor fast 90 Jahren fotografiert wurden, merkt man nur noch an ihren zeittypisch gezupften und nachgezogenen Augenbrauen. Denn Rays Blick war ein neuer, seine Detailaufnahme des tränenden Auges etwa stellte bis dahin geltende Sehgewohnheiten auf den Kopf.

          Ein Zufall beim Experimentieren – seine damalige Freundin und Assistentin Lee Miller, die sich später als Kriegsfotografin einen Namen machte, habe beim Entwickeln kurz das Licht angeschaltet, schreibt Ray in seiner Autobiographie – ließ ihn angeblich die Technik der Solarisation entdecken. Denn an den Rändern des Abgebildeten, zu sehen auch in der Schau, war ein heller Lichtrand entstanden.

          Erotik und Spiel: Das Bild aus der Serie „Femmes“ (1933/1981)  lebt von den Blicken, die zwischen dem Fotografen, der Frau, ihrer Lektüre und dem Betrachter der Aufnahme hin und her gehen.
          Erotik und Spiel: Das Bild aus der Serie „Femmes“ (1933/1981) lebt von den Blicken, die zwischen dem Fotografen, der Frau, ihrer Lektüre und dem Betrachter der Aufnahme hin und her gehen. : Bild: Man Ray VG BIld Kunst Bonn 2021

          Bis in die Gegenwart werden Rays Bilder zitiert, wie das Foto „Le violon d’Ingres“ von 1924, das den Rücken seiner damaligen Freundin Kiki de Montparnasse mit den aufgemalten Öffnungen eines Violoncellos zeigt. In Modenschauen zum Beispiel finden sich heute noch Man-Ray-Anspielungen wie Notenschlüssel und das tränende Auge auf Kleidern. Es sind Bilder, die jeder schon einmal gesehen hat.

          Besondere Zusammenstellung

          Warum es sich natürlich dennoch lohnt, in die Ausstellung nach Aschaffenburg zu fahren, liegt zum einen an der Zusammenstellung der Exponate, die neben den Fotografien vor allem eine Reihe von Objekten umfasst, wie beispielsweise das große Schachspiel von 1920/62. Es werden Kontexte hergestellt, die Man Ray so zwar wohl nicht hätte zeigen wollen, ist sich Ladleif sicher. Dennoch macht es Freude, diese Zusammenhänge zu entdecken. Das Motiv des Schachbretts zum Beispiel oder die Hand, die medienübergreifend immer wieder auftaucht. Denn, so war Man Ray überzeugt, am wichtigsten für seine Kunst sei die Idee eines Kunstwerks, egal, ob es sich um das Original handelt oder um eine Reproduktion, und egal, welche Medien er verwendete.

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