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Malerei : Sehnsucht nach dem Odenwald: Jakob Nussbaum

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Heute darf man das durchaus als Kompliment lesen: "Mir scheint nämlich, daß Ihnen die Malerei - zu leicht wird", schrieb Max Liebermann 1907 an den jungen Maler, seinen Schüler und Freund Jakob Nussbaum.

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          Heute darf man das durchaus als Kompliment lesen: "Mir scheint nämlich, daß Ihnen die Malerei - zu leicht wird", schrieb Max Liebermann 1907 an den jungen Maler, seinen Schüler und Freund Jakob Nussbaum. Er fange zu früh an und höre zu früh auf. Dabei ist es gerade das spontane, unmittelbare Erfassen der Situation, einer Stimmung und Atmosphäre, die Nussbaums Malerei in diesen Jahren auszeichnet. Und es sind die Bilder jener Zeit, von der Jahrhundertwende bis etwa zum Ersten Weltkrieg, angefangen von den Stadtlandschaften, der Ansicht des "Mainufers mit Blick auf die Alte Brücke" aus dem Jahr 1903 bis zu den Landschaftsimpressionen, die den Ruf des 1873 im oberhessischen Rhina geborenen Künstlers als Frankfurter Impressionist begründeten.

          In den drei Jahrzehnten nach der großangelegten Retrospektive zu seinem 100. Geburtstag im Städel hat es in Deutschland keine Einzelausstellung mehr zum Werk dieses Malers gegeben, der nicht nur wegen seiner Stadtansichten und Porträts für Frankfurt bedeutsam ist. Jetzt erlaubt die anregende, von Claudia Müller-Proskar für die 1822-Stiftung kuratierte Schau "Der erste Blick - Jakob Nussbaums Werk zwischen Spontaneität und Sachlichkeit" im Kundenzentrum der Frankfurter Sparkasse (Neue Mainzer Straße 49) mit etwa 70 Zeichnungen und Gemälden, auch einigen persönlichen Dokumenten einen neuen Blick auf ein beachtliches, die künstlerischen Strömungen seiner Zeit widerspiegelndes OEuvre.

          Der Titel der Ausstellung erscheint mit Bedacht gewählt. Zeigt sich doch über das wache und deutlich formulierte Interesse an den zeitgenössischen Tendenzen hinaus eine etwas merkwürdige Dichotomie, ein sanftes Hin- und Herpendeln zwischen ebenjenen im Titel angeführten Polen, das Nussbaums Werk mal mehr, mal weniger und doch stets spürbar kennzeichnet. Schon während seiner Zeit an der Münchner Akademie entstehen klassisch akademische Zeichnungen wie die 1894 entstandene "Brücke am Bach" aber auch wie nebenbei und spontan aufs Blatt geworfene, den Moment fixierende Arbeiten, etwa eine im Jahr darauf gezeichnete "Cafehausszene über eine Schulter hinweg gesehen". Und auch in den folgenden Jahren finden sich freiere, wagemutige und dem "ersten Blick" verpflichtete Arbeiten neben eher nüchternen und sorgfältig im Atelier entwickelten Kompositionen.

          Entscheidend für die weitere Entwicklung erscheint dabei im Rückblick - lange vor der späteren Freundschaft mit Liebermann und der Aufnahme in die Berliner Secession - die Begegnung mit Simon Hollosy, dessen Vorklasse der angehende Künstler vor dem Eintritt in die Akademie besuchte. Ein als Genre- und Historienmaler bekannter Künstler, der sich in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts der Freilichtmalerei zuzuwenden begann und mit dem Nussbaum in den folgenden Jahren häufig in Nagybanya, dem "ungarischen Barbizon", gewesen ist. "Der erste Blick" wird von nun an seinem Werk entscheidende Impulse geben, die Reisen etwa nach Tunesien nicht ohne Einfluß auf Licht und Farbpalette seiner Malerei bleiben. Spätestens in den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts beginnt er neugierig zu experimentieren.

          Momentaufnahmen wie an der winterlichen Hauptwache oder der Alten Oper entstehen, bevor er schließlich in seinen Landschaften wie dem 1912 entstandenen "Kartoffelacker mit Ochsen und Figuren im Herbst" immer mutiger den expressiven Duktus erprobt. Nun pflügt er mit dem Pinsel durch die noch feuchte, teils pastos aufgeworfene Farbe, verschmelzen Gegenstände und Figuren mit der Landschaft in einer Malweise, zu der er nach dem Krieg, den er lange Zeit als Kriegsmaler an der Westfront erlebt, nicht mehr zurückkehren sollte. Nussbaum entwickelt sich schließlich mehr und mehr zum geachteten Künstler seiner Heimatstadt. In den zwanziger Jahren beschäftigt er sich zunehmend mit Auftragsarbeiten, seien es seine bekannten Ansichten etwa des Frankfurter Ost- und des Westhafens oder die Porträts bekannter Persönlichkeiten in flacherer Malweise, mit gelegentlichen Anklängen an den Stil der Neuen Sachlichkeit.

          Freie, spontane Arbeiten wie die Blicke aus dem Atelierfenster im Liebieghaus oder das nicht zum Verkauf bestimmte "Haus zwischen Bäumen", ungleich leichter und weniger distanziert, treten demgegenüber zurück. Den "ersten Blick", so scheint es, kultiviert der Maler nun bevorzugt privat - nach Erledigung der Aufträge. Anerkennung verdient diese Ausstellung über die Würdigung dieses künstlerischen Werks hinaus aber vor allem, weil hier an Nussbaums kulturpolitisches Engagement in seiner Frankfurter Heimat erinnert wird. Ob als Lehrer an der Städelschule, als Mitbegründer und langjähriger Leiter des Frankfurter Künstlerbundes und der Künstlerhilfe, er gehörte über viele Jahre zu den prägenden Persönlichkeiten der Stadt, in der zu leben ihm über Nacht unmöglich gemacht wurde.

          Noch im Januar 1933 wird der jüdische Maler Nussbaum zum Ehrenmitglied des Frankfurter Künstlerbundes ernannt. Nach der Machtergreifung der Nazis wird er -wie Max Beckmann oder Willi Baumeister - aus der Städelschule entlassen. Noch im selben Jahr wandert er mit seiner Familie nach Palästina aus. Wie schmerzhaft diese Entscheidung gewesen ist, wie sehr er als Mensch wie als Künstler in seiner Stadt und der sie umgebenden Landschaft verwurzelt war, davon zeugt eindrucksvoll die von Alfred Wolters überlieferte Erinnerung an den Abschied des Freundes. Als der damalige Leiter der Städtischen Galerie im Städel Nussbaum bei der Abreise zu trösten versuchte mit den Worten, auch in Palästina werde er Bilder malen können, habe dieser traurig entgegnet: "Wenn ich nur in Palästina auch eine Odenwaldlandschaft malen könnte." Drei Jahre später ist Jakob Nussbaum dort an den Folgen einer Operation gestorben. Gemalt hat er nur noch wenig.

          Christoph Schütte

          Bis 8. April Montag bis Freitag von 9 bis 16 Uhr, Donnerstag bis 18 Uhr geöffnet.

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