https://www.faz.net/-gzg-a18rr

Schott-Musikverlag aus Mainz : Wenn kaum noch jemand Noten braucht

Damals in den Siebzigern: „Carmina Burana“ Komponist Carl Orff mit seinem Verleger Peter Hans-Strecker Bild: © Schott Söhne

Vor 250 Jahren wurde der Schott-Musikverlag in Mainz gegründet. Corona stürzt ihn und viele Komponisten in eine tiefe Krise.

          5 Min.

          Eine Komposition Note für Note spiegelverkehrt fehlerfrei abzuschreiben – das wird selbst bestens ausgebildeten Musikern ohne Übung nicht gelingen. Dass man auf diese Weise aber etwa eine ganze Sinfonie makellos mit Stahlstempeln in weiche Metallplatten schlagen könnte, erscheint heute schon fast undenkbar, jedenfalls völlig fern. Dabei war das im Prinzip bis ins späte 20. Jahrhundert hinein das übliche Verfahren des Notensatzes. Das Ganze war lange Zeit so aufwendig, dass noch zu Lebzeiten von Johann Sebastian Bach nur acht Werke in Druck erschienen.

          Guido Holze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der 1750 gestorbene Leipziger Thomaskantor musste den ersten Teil seiner „Clavierübung“ sogar mit vollem finanziellen Risiko im Selbstverlag herausgeben. Beethoven hatte es da weitaus bequemer. Für den 1770 geborenen Meister war es schon selbstverständlich, seine oft unleserlichen Manuskripte diversen Musikverlagen gegen Honorar anzubieten. Der in seinem Geburtsjahr, vor 250 Jahren, gegründete Mainzer Schott-Verlag, der damit der zweitälteste, noch existierende Musikverlag Deutschlands ist, kam mehrfach in das zweifelhafte Vergnügen, für den widerborstigen Wahlwiener tätig werden zu dürfen.

          Fast alle Einnahmen weggebrochen

          Bernhard Schott, der Gründungsvater des bis heute zu den großen Musikverlagen der Welt zählenden Familienunternehmens, wurde 1748 in Eltville geboren und hatte das Handwerk des Notenstechens vermutlich bei seinem Vater gelernt, der es nur nebenerwerblich ausübte und kurioserweise eigentlich Bäcker und Gastwirt war. „Mit rühmlichen Fleiß“ schloss Bernhard im Jahr nach der Verlagsgründung sein Theologiestudium an der Universität Mainz ab und erhielt 1780 vom Mainzer Fürstbischof als „Hofmusikstecher“ das „Privilegium exclusivum“ für den Notenstich, „eine wichtige Grundlage für den wirtschaftlichen Erfolg des jungen Unternehmens“, wie es auf der Homepage von Schott heißt, wo die Verlagsgeschichte reich bebildert und mit kleinen Texten auf einem Zeitstrahl anschaulich dargestellt ist. Wer sich für dieses große Stück Kulturgeschichte näher interessiert, kann zudem eine umfangreiche Festschrift als Druckausgabe oder per Download bekommen.

          In den vergangenen Tagen kamen nun allerdings ausgerechnet zum groß geplanten Jubiläum wenig erfreuliche Nachrichten aus dem Hause Schott: Mit dem alle maßgeblichen Musikmärkte betreffenden Lockdown sind dem Verlag fast alle Einnahmen weggebrochen. Damit steht der Verlag natürlich nicht allein da. Alle anderen, wie etwa Breitkopf und Härtel, dem kleineren, sogar schon 1719 gegründeten Musikverlag auf der anderen Rheinseite in Wiesbaden, geht es nicht anders. Der Umsatz der Musikverlage ruht nämlich auf drei Säulen, die alle in den Grundfesten erschüttert wurden: auf dem sogenannten Papiergeschäft, also dem Verkauf etwa von Noten und Musikbüchern, der Vergabe von Aufführungslizenzen sowie der Vermietung von Notenmaterial für urheberrechtlich geschützte Bühnen- und Konzertwerke. Die letzten beiden Punkte ergeben das Aufführungsgeschäft, was bei Schott nach Angaben der Prokuristin Christiane Albiez etwa die Hälfte des Umsatzes ausmacht.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Donald Trump in Ohio am 6. August

          Streit um Wechat : Trump bannt Chinas Lebensader

          Die Super-App Wechat ist das chinesische digitale Taschenmesser für alles. In Amerika kommunizieren mehr als drei Millionen Chinesen nach Hause – wie Wendy Tang. Die Studentin glaubt, der amerikanische Präsident schlage seine letzte Schlacht.

          Kontaktlos bezahlen : Karten ohne Ende

          Wegen Corona bezahlen die Deutschen viel mehr mit Karte. Für die Banken lohnt sich das bargeldlose Geschäft. Kein Wunder, dass sie immer neue Karten herausbringen.

          Verkehrswende : Wem gehört die Straße?

          Soll Frankfurts nördliches Mainufer für Autos gesperrt bleiben? Ein Unternehmensberater streitet darüber mit einem Ortsvorsteher. Ihre Fehde zeigt, warum die Verkehrswende so schleppend vorangeht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.