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„Mainzer Literaturschiff“ : Einmal Lesung und zurück

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An Deck, an die frische Luft: In der Pause der Lesung auf dem Mainzer Literaturschiff blicken die Gäste dem Abendrot entgegen. Bild: Waldner, Amadeus

Was beginnt wie eine Kaffeefahrt mit Spundekäs’, wird zu einem Einblick in die Kunst des Schreibens: Das „Mainzer Literaturschiff“ ist auf seiner 13. Rheinreise.

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          Kellnerinnen schieben Servierwägelchen zwischen Hunderten von Gästen hindurch. Die Leute trinken, lachen, launiges Geschnatter wie bei einer großen Familienfeier. Wenig später legt die „MS Rhenus“ am Mainzer Fischtorplatz ab, und der Mann am digitalen Roland-Piano spielt eine sanft dahindudelnde Version von „Cheek to Cheek“ zu einprogrammierten Südseerhythmen. „Heaven, I’m in Heaven ...“ Doch das Salonschiff bietet mehr als Spundekäs’ mit Laugenstangen oder Grauen Burgunder, und schon gar keine Kaffeefahrt. An diesem lauen Sommerabend ist es das „Mainzer Literaturschiff“, das schon im 13. Jahr zu Lesungen auf dem Wasser lockt.

          Ein weißbärtiger Mann im hell olivgrünen Anzug begrüßt die Gäste, die sich mit ihren Programmkarten Luft zufächeln. „Es ist schön, dass wir auch dieses Jahr wieder ein volles Schiff haben.“ Er hat die Verve und den Gestus eines Pfarrers beim ökumenischen Gottesdienst. Wenig verwunderlich, Johannes Kohl ist Leiter des Katholischen Bildungswerks der Diözese Mainz, die zusammen mit der Bücherei am Mainzer Dom die Fahrt organisiert haben. Katholiken, Literatur, Schiffe? Dass das ganz gut zusammenpasst, erschließt sich erst im Lauf der Fahrt.

          Flüsse als Ort des Übergangs verstehen

          Lena Gorelik betritt das Podest in der Mitte des Schiffs. Die Autorin liest aus ihrem jüngsten Roman „Die Listensammlerin“. Für sie ist es nicht die erste Schiffslesung, sie war schon auf der Elbe und dem Bodensee. Sie glaubt, sagt sie später, dass es an Bord konzentrierter und intensiver zugehe, einfach, weil man sich in einem geschlossenen Raum befinde. In der Tat können ihr leichtfüßiger Stil und die amüsante Geschichte um eine junge Listensammlerin das Publikum anfangs fesseln. Bei der Parallelhandlung um einen sowjetischen Widerständler, die sie dann folgen lässt, wenden sich jedoch viele Gäste den Panoramafenstern zu und blicken auf Fabrikanlagen oder die Baumkronen, die aus dem Hochwasser ragen. Der Sonnenuntergang lädt zum Wegdämmern ein.

          Dann ist Pause. Viele Gäste pilgern an Deck, an die frische Luft. Während das Schiff zwischen Hessen und Rheinland-Pfalz schippert, plätschert die Unterhaltungsmusik des Bordpianisten aus den Lautsprechern, und die Zusammenhänge werden deutlicher: Es geht um Übergänge. Verbindungen. Gorelik, 1981 im damaligen Leningrad geboren und im Alter von elf Jahren nach Deutschland gekommen, ist eine Autorin, die Kulturen, Sprachen, Geschichten miteinander verquickt, biographisch wie künstlerisch. Das passt zu einer Bootsfahrt, wenn man Flüsse wie in der Mythologie als Ort des Übergangs versteht - wenngleich ins Reich der Toten. So weit kommt das Schiff nicht, es macht bei Bingen kehrt.

          „Man kann nicht Wörter übersetzen, nur Bilder“

          Nach Sonnenuntergang wird die Stimmung an Deck heimelig, unter Deck hat sie nun etwas von Literaturhaus. Die Übersetzerin Rosemarie Tietze, die unter anderen Tolstoi, Dostojewski und Tarkowski ins Deutsche übertragen hat, liest einige Sätze aus Gaito Gasdanows „Ein Abend bei Claire“ auf Russisch. Dann folgt ihre Übersetzung. „Wer ein Ohr hat für diese Sprache, wird sofort hineingezogen in die Prosa“, sagt sie über Gasdanow, den exilrussischen Autoren, den die deutsche Literaturszene erst jetzt wiederentdeckt hat. Tietze bringt mit ihrer klangvollen Erzählstimme etwas in die Veranstaltung, was bislang fehlte: Passion. Leidenschaft. Immer wieder unterbricht sie sich, um über technische Feinheiten Gasdanows, den Assoziationsstrom, die Raffungen zu sprechen oder über die Kunst des Übersetzens. Ihre Erfahrung als Dozentin für Übersetzung wird spürbar. „Man kann nicht Wörter übersetzen, nur Bilder“, sagt sie.

          Der Ausblick auf den Fluss lockt fast so sehr wie die Literatur.

          Der Höhepunkt des Abends ist die Fragerunde mit ihr und Gorelik im Anschluss. Beide Künstlerinnen, in vielfacher Hinsicht grenzüberschreitend, blühen geradezu auf. Gorelik lobt die Kunstfertigkeit, die es erfordert, russische Romanzen zu übersetzen. Tietze fragt, ob es mit elf Jahren noch am ehesten möglich sei, eine Sprache wie Deutsch auf dem Niveau einer Muttersprachlerin zu lernen. Die Autorin antwortet, dass sie Deutsch nicht gelernt, sondern „aufgesogen“ habe. Die Leidenschaft hat Gorelik jetzt ebenfalls ergriffen.

          Bei all der versöhnlichen Polyglossie lässt es sich Moderator Kohl nicht nehmen, auf das Pfingstfest zu verweisen. Es ist das erste Mal, dass Religion an diesem Abend Erwähnung findet. Der Leiter der Fachstelle für katholische Büchereiarbeit und Mitorganisator des „Literaturschiffs“, Josef Staudinger, erläutert am Ende der Fahrt, es gehe nur um Literatur, man wähle nicht katholische Autoren oder Themen. „Das, was menschlich ist, soll vorkommen“, sagt er. Und warum ausgerechnet Lesungen auf einem Schiff? Die Idee habe man aus Bingen übernommen, die auch Autoren aufs Wasser schickten, sagt Staudinger und lächelt. Die Gäste sind glücklich. Ein Grüppchen ehrenamtlicher Bibliothekarinnen sitzt noch am Tisch, als die ersten Gäste zum Ausgang streben. Sie kommen jedes Jahr auf das Schiff. „Wir lieben Bücher“, ruft eine überschwänglich. So einfach kann das sein mit Katholizismus, Literatur und Schiffen.

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