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Maifestspiele in Wiesbaden : „Armide“ ohne Durchblick im Phantasialand

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Christoph Willibald Glucks Oper "Armide" ist einerseits Zaubertheater mit Ballett und Maschineneffekten, exponiert andererseits einen klar konturierten seelischen Konflikt: Die Königstochter Armide bezieht aus ihrer Ungebundenheit Kraft und Stolz.

          Christoph Willibald Glucks Oper "Armide" ist einerseits Zaubertheater mit Ballett und Maschineneffekten, exponiert andererseits einen klar konturierten seelischen Konflikt: Die Königstochter Armide bezieht aus ihrer Ungebundenheit Kraft und Stolz. Die Liebe zum feindlichen Überritter Renaud stellt diese Lebenshaltung radikal in Frage. Die junge Frau gibt dem Gefühl nach und verliert. Das Zauberschloß, in dem sie sich gemeinsam mit Renaud der Liebe hingab, läßt sie endlich von Dämonen zerstören, um hernach zu entschweben.

          Die zur Eröffnung der Internationalen Maifestspiele und somit an prominenter Stelle plazierte Neuinszenierung von Avshalom Pollak und Inbal Pinto im Staatstheater Wiesbaden vermittelt jedoch nicht einmal eine Ahnung von der Unbedingtheit Armides (Sophie Marin-Degor). Diese steht in der Eingangsszene mit der Ausstrahlung einer verklemmten Bürgerstochter auf der Wendeltreppe eines Turmes, der wiederum in einer Phantasia-Welt mit Comic-Ästhetik herumrollt. Von der Aura einer Kämpferin, einer hoheitsvollen Königstochter keine Spur. Der zur Verehelichung ratende Onkel Hidraot (Olaf Franz) schlurft zwischendurch herein und sieht aus, als habe er seit den Kreuzzügen im Wald gestanden und Moos angesetzt. Der von der Befreiung der feindlichen Ritter durch Renaud (Andreas Scheidegger) kündende Bote Aronte (Young-Myoung Kwon) wird aus unerfindlichen Gründen in einem schwarzen Kubus hereingerollt. Derweil dirigiert Sebastien Rouland das Orchester des Staatstheaters im relativ weit hochgefahrenen Graben demonstrativ gut sichtbar, gleichwohl mit bescheidenem Resultat. Die Synchronisation und die dynamische Balance im Kontakt zur Bühne lassen viele Wünsche offen. Vor allem aber mangelt es in entscheidenden Momenten an Suggestivität, an einem musikalischen Korrelat zur Unbedingtheit der von Armide eingenommenen Position. Der zentrale Konflikt bleibt auf allen Ebenen ausgespart.

          Das zugleich für Choreographie und Ausstattung zuständige Regieteam läßt lieber seiner Phantasie die Zügel schießen, überrascht gelegentlich auch mit netten Einfällen. Das Zelt, in dem das zeitweilige Liebespaar sich seinen Gefühlen hingibt, hat als bühnenhoher Reifrock auch Symbolwert. Sehr amüsant wirken die überfetten Lustgeister im fünften Akt, verkörpert von grazil und anmutig sich bewegenden, dabei grotesk aufgepolsterten Ballerinas des Corps de Ballet. Wie denn überhaupt das Auge dank der phantasie- und ästhetisch anspruchsvoll gestalteten Ballettszenen auf seine Kosten kommt.

          Gabriela Künzler als Inkarnation des Hasses zeigt im dritten Akt jene Dominanz und Bühnenpräsenz, welche der Titelheldin abgeht. Ansonsten muß man bis zum fünften Akt auf authentische Momente warten. Da paßt Scheideggers monolithisch-indifferente Haltung zur Situation des wieder zu den Waffen greifenden Renaud, die Rolle der leidenden Frau liegt Marin-Degor auch vokal, und im Graben werden, naht die finale Aufgipfelung, einige gestalterische Kräfte entbunden. Immerhin läßt dieser Schluß eine gewisse Zuversicht keimen. Gelänge es, die Titelrolle besser zu profilieren und würde die musikalische Seite ernster genommen, könnte sich dies mit dem verspielten Zugang des Duos Pollak und Pinto zu einem wesentlich ansprechenderen Gesamteindruck verdichten. Bis zur nächsten Aufführung am 17. Mai verbleibt ja noch ein wenig Zeit. BENEDIKT STEGEMANN

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