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Mäzenin Dagmar Westberg : Geburtstagsparty zwischen Skulpturen

Hochgeschätzt: Dagmar Westberg ist eine von Max Holleins Lieblingsstifterinnen. Bild: Wonge Bergmann

Dagmar Westberg ist eine große Mäzenin. Zu ihrem 96. Geburtstag beschenkt sie das Städel wieder mit einer hohen Summe. Auch andere Frankfurter Institutionen profitieren von ihrer Großzügigkeit.

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          Heute steigt im Liebieghaus eine Geburtstagsparty. Direktor Max Hollein richtet sie persönlich aus. Denn Dagmar Westberg, die 96 Jahre alt wird, ist einer seiner Lieblinge. Vor zwei Jahren hat sie dem Städel aus Anlass ihres Geburtstages ein Altarbild aus dem frühen 16. Jahrhundert geschenkt, das Triptychon des „Meisters der von Grooteschen Anbetung“ – der wohl bedeutendste Neuzugang für das Museum seit fast hundert Jahren.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Auf diese Schenkung ist die zarte Dame mit dem Hütchen, nachdem ihr Bild in den Zeitungen zu sehen war, oft angesprochen worden. „Glückwunsch“, sagten die Leute, oder: „Da haben Sie aber etwas Gutes getan.“ Wüsste man allenthalben in Frankfurt, was Dagmar Westberg schon alles gefördert hat, sie könnte nicht mehr über die Zeil oder die Großmarkthalle gehen, ohne andauernd von Fremden bewundernd angesprochen zu werden.

          Kritik wird laut ausgesprochen

          Heute trägt Dagmar Westberg statt eines flotten Hütchens ein flottes Stirnband aus Pelz. Wieder wird sie sich zu ihrem Geburtstag selbst beschenken – mit einer großen Spende an das Städel. „Sie ist eine der großen Mäzeninnen unseres Hauses“, sagt Hollein. Westberg hat dem Städel nicht nur hohe Geldbeträge zukommen lassen, sie hat auch für die Graphische Sammlung Werke von Carl Spitzweg, Max Klinger, Max Beckmann, Henri Michaux, Paul Morrison und Tacita Dean erworben.

          Es ist nicht das erste Mal, dass der Städel-Direktor Dagmar Westberg zum Essen eingeladen hat. Die Kellner und Köche des Städel-Restaurants „Holbein’s“ kommen diesmal allerdings ohne Rüge davon, denn die Jubilarin ist viel zu sehr damit beschäftigt, von ihrem Leben zu erzählen, als dass sie sich auf die Speisen konzentrieren könnte. Normalerweise ist sie da strenger. Wenn etwas zu beanstanden ist, schweigt sich Dagmar Westberg nicht darüber aus. Letztens bei Mario Lohninger stand der Starkoch mit seiner halben Mannschaft um den Tisch von Hollein und Westberg, wissend, dass von ihnen jetzt Höchstleistungen abgefordert würden. Denn im Kochen kennt sie sich aus, diese Kunst hat sie in einem feinen Hamburger Institut gelernt. Deshalb können sich die Gäste der Geburtstags-Party im Liebieghaus sicher sein, dass das Fingerfood munden wird. Die Jubilarin hat die Kreationen des Caterers zweimal getestet. „Jetzt schmeckt’s“, sagt sie.

          „Ich bin meinen eigenen Weg gegangen“

          Sechs Kinder sind sie zu Hause in Hamburg gewesen. Im Esszimmer der Anwaltsfamilie hingen Bilder von Nolde und anderen Meistern. Der reichste in der Familie war der Großonkel Oscar Troplowitz, der so nützliche Dinge wie Hansaplast, Tesa-Band und Nivea-Creme erfunden hat und damit das Unternehmen Beiersdorf zum Erfolg führte – und die Familie einschließlich Dagmar Westberg zu Reichtum.

          Sie, das Nesthäkchen, ist anders als die meisten anderen aus der Familie früh in die Fremde gezogen. Nach einem Sprachaufenthalt in England zuerst als Hilfskraft zur amerikanischen Botschaft in Berlin und nach dem Krieg als Mitarbeiterin des amerikanischen Generalkonsulats nach Frankfurt. „Ich bin meinen eigenen Weg gegangen“, sagt sie heute. Und blickt mit Dankbarkeit auf geglückte neun Jahrzehnte zurück.

          Wer sollte sonst so großzügig und liebenswert sein?

          Dagmar Westberg hat viel erlebt in ihren 96 Jahren, und sie hat wenig vergessen. Immer wieder fällt sie ins Englische, wenn sie von ihren englischen und amerikanischen Abenteuern erzählt. Die Liebe zu England und zur angelsächsischen Lebensart ist seit ihrem Sprachstudium auf der Insel nie erloschen. Anfang des Jahres hat sie bei der Deutsch-Britischen Gesellschaft einen Fonds von 100.000 Euro zugunsten der Frankfurter Universität eingerichtet. Das Schöne an ihren guten Taten ist, dass die Mäzenin deren Wirkung noch selbst erleben kann. Wenn sie zum Beispiel einmal im Jahr Freunde zu einer Führung ins Städel einlädt, dann zeigen die Mitarbeiter den Gästen natürlich auch den „Meister der von Grooteschen Anbetung“ oder die von ihr gestifteten Werke im der Graphischen Sammlung.

          Heute, an ihrem Geburtstag, wünschen sich alle, die Dagmar Westberg kennen, dass die jung gebliebene Sechsundneunzigjährige mindestens hundert Jahre alt wird. Denn wer sonst, so denkt man nicht nur im Städel, sondern auch bei der von ihr reich beschenkten Cronstett- und Hynspergischen Stiftung und anderen Institutionen, wird uns eine so großzügige wie liebenswerte Stifterin sein wie Dagmar Westberg?

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