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Little Steven in Hanau : Der Freibeuter des Rock’n’Soul

  • -Aktualisiert am

Springsteens Stütze ist auch mit seinen Kindern gut: Little Steven. Bild: Marcus Kaufhold

Unermüdlich und unverwüstlich: Little Steven erobert mit Disciples Of Soul das Hanauer Amphitheater. Am Ende steht die Hoffnung auf eine geeinte, bessere Welt.

          3 Min.

          Einst sang Reinhard Mey: „Leute, nehmt eure Wäsche weg, schließt die Gartentür zu – Musikanten sind in der Stadt!“ Mancher konservative Zeitgenosse würde wohl auch heute noch beim Anblick von Little Steven And The Disciples Of Soul in Schockstarre fallen und die Wäsche lieber abhängen. Umflort das Ensemble beim minutenlangen Entern der mit Equipment regelrecht überfrachteten Bühne des Amphitheaters in Hanau doch eine Aura aus Zirkus, Varieté, Kirmes und Pirat zugleich.

          Da stapfen im zackigen Takt fünf Blechbläser herein. Dazu schwingt ein weibliches Harmoniechortrio mit riesigen Afro-Mähnen kess die knapp bekleideten Hüften. Gefolgt von ebenso buntgekleideten Herrschaften an Bass, Gitarre, Schlagzeug, Percussion, E-Piano und Keyboards. Zuletzt stößt der in eine Freibeuter-Kluft unter bodenlangem Mantel gehüllte Chef samt Kopftuch auf dem markanten Haupt dazu. Mit „Communion“ verbreitet er sogleich frohe Botschaft: „The only way to take you higher is let the music get inside you“, instruiert Little Steven die Besucherschar. Derweil tönt der satte Rock-’n’-Soul-Mix im wuchtigen Wall Of Sound von Phil Spector, als stamme er von Bruce Springsteens LP-Meilenstein „Born To Run“.

          Seitenprojekt aus den achtziger Jahren

          Als die exzellente Truppe im Juni 2017 kurzfristig die Batschkapp beehrte, glaubte alle Welt noch an ein einmaliges Intermezzo. Seinerzeit hieß es noch, Steven Van Zandt alias Little Steven, schon seit 1975 Gitarrist, Vokalist und rechte Hand von Bruce Springteens E Street Band, überbrücke mit der trefflichen Hommage an legendäre Soul-Revuen lediglich die Zeit. Dann dauerten das Gastspiel von „The Boss“ am Broadway sowie die Arbeit am Solowerk „Western Stars“ doch einen Hauch länger.

          Die E Street Band liegt noch immer auf Eis, soll aber 2020 wieder in Aktion treten. Kein Grund für Van Zandt, dessen bürgerlicher Name Steven Lento lautet, die Hände in den Schoß zu legen. Kurzerhand reaktivierte das 68 Jahre alte Multitalent sein in den frühen achtziger Jahren formiertes Seitenprojekt Little Steven And The Disciples Of Soul und zeigte kreativen Fleiß: Zwei Studioalben, ein Konzertmitschnitt sowie pausenloses Touren ließ der auch für eigenwillige Rollen in den Kultserien „The Sopranos“ und „Lilyhammer“ sowie als kompetenter Radiomoderator des wöchentlichen Nischenprogramms „Little Steven’s Underground Garage“ vielgepriesene Van Zandt seither vom Stapel.

          Sammelsurium an selbstverfassten Stücken

          Rund zwei Dutzend Songpreziosen hakt das geschmeidig eingespielte Team in virtuos passionierter Spielfreudigkeit in üppigen 150 Minuten ab. Darunter komplett das famose aktuelle Studiowerk „Summer Of Sorcery“. Ein wahres Sammelsurium an selbstverfassten Kabinettstücken mit satten Querverweisen in die Rockhistorie: „Party Mambo!“ erinnert an den Mambo-Boom der fünfziger Jahre rund um Yma Sumac. An Vocal-Girl-Groups wie The Ronettes, The Crystals, The Shirelles, The Chiffons und The Shangri-Las mit manufakturierten Teenager-Dramen aus der New Yorker Songschmiede Brill Building erinnert „A World Of Our Own“. „Soul Power Twist“ widmet sich dem von Chubby Checker und Joey Dee & The Starliters propagierten Hüftdreh-Modetanz. In die entspannte Jazz Lounge entführt das luftige „Suddenly You“.

          An Ravi Shankar, die Beatles und Flower-Power richtet sich das mit Sitar und Tabla veredelte „Education“. Blaxploitation-Soul-Funk à la Isaac Hayes’ „Shaft“ verabreicht das dynamische „Vortex“. Knalligen Rock’n’Roll transportiert „Superfly Terraplane“. Aus dem Schatzkästlein der Sixties-Formation The Youngbloods stammt der urige Blues „On Sir Francis Drake“ – Disciples-Keyboarder Lowell „Banana“ Levinger war dereinst dort Bandmitglied. Ebenfalls im Repertoire mit solistischem Auslauf für jeden einzelnen Musiker finden sich gleich drei in Kooperation mit Springsteen entstandene Oden von Van Zandts früher Formation Southside Johnny & The Asbury Jukes.

          Als der Politaktivist schließlich seine von ihm 1985 im Gespann mit prominenten Kollegen initiierte Hymne „Sun City“ gegen die Apartheid in Südafrika anstimmt, dunkelt es schon. Am Ende steht die Hoffnung: Mit „Out Of The Darkness“ beschwören Little Steven And The Disciples Of Soul wieder eine geeinte, bessere Welt als die derzeitige. Womit wir wieder bei Reinhard Mey wären: „Oh, schütz uns vor Sturmesflut, Feuer und Wind, vor Pest und vor Epidemien, und vor Musikanten, die auf Reisen sind – oder lass mich mit ihnen zieh’n!“

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