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Wandernde Schriftsteller : Wer ankommt, berichtet

Mit den Menschen wandern die Geschichten:; Ein Rohingya-Flüchtling verkauft Bücher und Schreibwaren in einem Lager in Bangladesch. Bild: AFP

Erzählungen aus einer Welt in Bewegung: In Frankfurt geht es auf den „Literaturtagen“ in diesem Monat um „Migration – Literaturen ohne festen Wohnsitz“. Der Stoff geht da nicht aus.

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          Die Welt ist in Bewegung. Seit dem Ende des Kalten Krieges sind viele Grenzen durchlässig geworden. Innerhalb der Europäischen Union können die Bürger zahlreicher Staaten aus dem, was einst der Osten oder der Westen war, inzwischen frei von einem Land zum anderen wechseln. Während es in Europa, das rasch unter dem Dach der Nato und der EU zusammenfand, weitgehend friedlich geblieben ist, herrschen anderswo auf der Welt verlässlich Krieg, Gewalt, Flucht und Vertreibung. Zwar erlaubt es wachsender Wohlstand vielen Familien aus den Ober- und Mittelschichten ehemaliger Entwicklungsländer inzwischen, ihre Kinder auf Hochschulen in den Vereinigten Staaten zu schicken, Eltern in Mittelamerika jedoch machen sich zusammen mit ihren Kindern auf die Flucht an die mexikanisch-amerikanische Grenze. Sie fliehen vor Drogenkriegen, staatlichem Versagen, Armut und der Aussichtslosigkeit, an ihrem Heimatort selbst für ein besseres Leben zu sorgen. Internet und Smartphone erleichtern auch ihnen den Schritt in das völlig Unbekannte, auf dem Weg und am Ziel. Hier und da setzen unterdessen, wie schon seit langem befürchtet, Klimaveränderungen erste Wanderungsbewegungen in Gang.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Es gibt daher viel zu erzählen. Von dem, wo man herkommt, wo man gerade ist und wo man hinwill. Schriftsteller, Teil dieser anschwellenden Bewegung, tun es in aller Welt. Deutschland kennt das ebenfalls. Seit den neunziger Jahren sind viele Einwanderer aus Ost- und Südosteuropa in die Bundesrepublik gek0mmen, von jüdischen Kontingentflüchtlingen aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion über deutschstämmige Spätaussiedler aus Russland und anderen Staaten bis zu den Flüchtlingen des jugoslawischen Bürgerkriegs.

          Einige von ihnen sind in der neuen Heimat zu namhaften deutschsprachigen Schriftstellern geworden, von beliebten Autoren wie Lena Gorelik und Marjana Gaponenko bis zu Trägern bedeutender Preise wie Terézia Mora, die Anfang der neunziger Jahre aus Ungarn zum Filmstudium nach Berlin kam und im Herbst 2018 in Darmstadt mit dem Büchner-Preis ausgezeichnet wurde, sowie Saša Stanišić, der als Kind zusammen mit seiner Mutter vor ethnischen Säuberungen aus Bosnien floh und im Oktober im Frankfurter Römer mit dem Deutschen Buchpreis geehrt wurde.

          Auf dem mühsamen Weg in die Sicherheit

          Autoren wie sie haben meist ein einfacheres Los als die Insassen der Schlauchboote auf dem Mittelmeer. Sie wandern auf dem Bildungsweg ein wie Mora oder schaffen den Sprung durch finanzielle Anstrengungen ihrer Familie. Stanišićs Beispiel aber zeigt ebenso wie das von Abbas Khider, der lieber Literatur in Berlin studieren als in einem irakischen Gefängnis sitzen wollte und sich auf den mühsamen Weg in die Sicherheit machte, dass auch der eher idyllische deutschsprachige Literaturbetrieb von den dramatischeren Dimensionen der internationalen Migration berührt worden ist.

          Und überall auf der Welt gehören die Schriftsteller neben den berichterstattenden Journalisten zu den Ersten, die in Worte fassen, was die Wandernden von zu Hause mitbringen, was sie auf ihrem Weg erlebt haben und in ihrer neuen Heimat auffällig finden und fühlen. Menschen wandern, und ihre Geschichte wandert mit ihnen, ebenso wie die vielen einzelnen Geschichten, die sie einander erzählen. Die zehn Autoren aus aller Welt, die Ende dieses Monats in Frankfurt zusammenkommen, stehen dafür besonders deutlich. Ihr Leben und Schreiben spielt sich zwischen Guatemala und Nebraska, Japan und Berlin, Dubai und Neufundland sowie Nigeria und Minnesota ab.

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