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Literaturhaus : Komm, geh mit mir

Oskar Pastiors „Pantum vernis” grüßt herüber Bild: F.A.Z. - Wonge Bergmann

Deutschland ist nicht überall Servicewüste. Oft offenbaren sich an den unverhofftesten Stellen kleine Ideen, die den Geist des Konsumenten verwöhnen. Im Frankfurter Literaturhaus gibt schon seit geraumer Zeit Gedichte zum Mitnehmen.

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          Deutschland ist nicht überall Servicewüste. Oft offenbaren sich an den unverhofftesten Stellen kleine Ideen, die den Geist des Konsumenten verwöhnen. So gibt es im Literaturhaus Frankfurt schon seit geraumer Zeit Gedichte zum Mitnehmen. Eine tolle Idee, die noch viel zu wenig Schule gemacht und bislang auch nicht den Bekanntheitsgrad erlangt hat, der ihr gebührt.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Zwar nutzen viele Besucher des Hauses an der Schönen Aussicht das literarische Dienstleistungsangebot. Aber noch immer gibt es viel zu viele Gäste, die gar nicht wissen, was ihnen entgeht, wenn sie nach den Veranstaltungen im Lesekabinett oder im Lesesaal die Treppe hinunter schreiten oder durch die Halle nach draußen eilen. Zu unauffällig nehmen sich die beiden Texttankstellen links und rechts von Christoph Mäcklers prunkvollem Aufgang in den ersten Stock des Gebäudes der Alten Stadtbibliothek aus. Da ist weiter nichts zu sehen als eine kurze Metallstange mit ein paar Ringen aus demselben Material und etwas bedrucktem Papier.

          Transportables Geistesgut

          Vermutlich irgendwelche Werbung, denkt sich der Besucher auf dem Weg zur Garderobe. Dabei ist er nur eine Reißbewegung von der Heimwegsbegegnung mit dem transportablen Geistesgut entfernt, das man ihm zur Kenntnisnahme hingehängt hat. Denn das sind sie, die Take-away-Gedichte des Literaturhauses, eine eiserne Sinnreserve für die Manteltasche, ein Vademecum nicht nur für den Weg nach Hause, sondern auch für den Lebensweg zur Erkenntnis von Schmerz, Glück und Schönheit. Gewiss, da mag es sogar unter dem Publikum des Literaturhauses Lyrikmuffel geben, die sich wacker jedem Roman Dostojewskijs stellen, aber nach zehn Zeilen Mascha Kaleko trotzdem mit Tomaten schmeißen.

          Doch das sind verstockte Prosaiker, von denen hier nicht die Rede ist. Für die, die beim Lesen von Gedichten eher an Osip Mandelstam denken, der seine Gedichte im Gehen komponierte, weil auf diese Art das Denken mit dem Fortschreiten von Rhythmus und Metrum mithalten konnte, sind die Gedichte zum Mitnehmen da. Dabei behandelt die Textauswahl des Literaturhauses die großen Themen, denen sich die Lyrik immer schon gewidmet hat. Da sind sie, die Zeit, die Natur und der Mensch, das Denken und das Fühlen, das Sein und das Ende, der Ernst und das Spiel, die Leidenschaft und das Unglück.

          Codes und Chiffren

          Anna Achmatowa legt den Deutern ihrer Texte Netze aus in „Ein nie dagewesener Herbst“, auch Friederike Mayröckers „Letzter Wille“ und Hans Carl Artmanns „Jetzt steigen sie aus ihren Betten“ verstecken ihren Sinn in komplizierten Verfahren. Aber das Entziffern von Codes und Chiffren ist dem Leser von Gedichten im Gegensatz zu Wagners Isolde ja sowieso eine höchst bewusste Lust. Deswegen hängt an der Literaturstange auch Giorgio Capronis „Rückkehr“, das Literaturhausleiterin Maria Gazzetti besonders gern hat.

          „Ich bin wieder da, wo ich niemals war“ heißt es in den Versen des 1990 gestorbenen italienischen Lyrikers, und John Ashbery hegt eine Caproni vergleichbare Vorliebe für „Paradox und Oxymoron“. Von der anderen Seite des Treppenhauses grüßen derweil Rolf Dieter Brinkmann „Gedicht“, und Oskar Pastiors „Pantum vernis“ herüber. Matthias Göritz' „Metronom“ erzählt davon, was man fühlt, wenn man der Zeit zuhört, Ilia Tschawtschawadse grüßt in seinem Gedicht „An die Berge von Kwareli“ die Landschaft seiner Geburt. Und Paul Celan berichtet dem heiligen Franziskus in „Assisi“ vom „Glanz, der nicht trösten will“ und von den Toten, die noch betteln. Zeit für den Denktrost der Sprache.

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