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30 Jahre Literaturhaus Frankfurt : Zusammen ist man weniger allein

Gastgeber an der Schönen Aussicht: Hauke Hückstädt auf der Treppe des Literaturhauses Frankfurt Bild: Frank Röth

Mit einer Flussfahrt und Lesungen feiert das Literaturhaus Frankfurt seine Gründung vor 30 Jahren. Programmleiter Hauke Hückstädt verlost kostenlose Jahresmitgliedschaften.

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          Am Morgen vor der Lesung hörte Hauke Hückstädt im Radio, die von ihm wagemutig angeheuerte Judith Zander stehe mit ihrem Debütroman auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Am Abend des 8. Septembers 2010 eröffnete sie mit „Dinge, die wir heute sagten“ das erste Programm des Literaturhauses unter seiner Leitung. Fast zwölf Jahre ist das jetzt her. Die seitdem von Hückstädt und seinem Team geführte Einrichtung aber ist noch ein bisschen älter und feiert im Mai und Juni ihre Gründung vor 30 Jahren. Es ist ein nachgeholtes Fest, denn zu begehen wären 31 Jahre. Eröffnet wurde die Institution, damals noch an der Bockenheimer Landstraße, am 9. Januar 1991. Im Januar 2021 aber war niemandem nach Feiern zumute, waren Feste unmöglich.

          Florian Balke
          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Auch 2022 ist für Hückstädt noch nicht das Jahr für große Partys, der traditionelle „Tanz in den Mai“ fiel vor wenigen Wochen aus: „Da stehen wir gerne auf der Seite der Vorsichtigen.“ Gefeiert wird stattdessen mit Lesungen, denn mit Veranstaltungen unter Pandemiebedingungen in stetem Wandel kennen er und seine Kollegen sich inzwischen bestens aus. In diesem Fall sind es Lesungen, die „repräsentativ sind für das Profil des Hauses in den vergangenen Jahren“. Das Programm beginnt am 22. Mai mit Philip Waechter, am 23. Mai folgt Fatma Aydemir, am 25. Mai sind Petra Gerster und Christian Nürnberger zu Gast. Und zu den Teilnehmern der Reihe „Drei mal dreißig“ gehört am 13. Juni auch Zander. Zum Abschluss des Programms am 24. Juni gibt es einen Kindernachmittag mit Andreas Steinhöfel und Melanie Garanin und eine abendliche Flussfahrt für Mitglieder und Freunde auf dem Main.

          Bei jeder Veranstaltung werden unter den Kartenbesitzern kostenlose Jahresmitgliedschaften im Literaturhausverein verlost, mit sämtlichen Vorteilen, die Mitglieder genießen, von der Teilnahme an der Flussfahrt bis zu Vorkaufsrechten bei Veranstaltungen. Mitgliedschaften sind ein finanzielles, aber auch ein ideelles Standbein des Vereins. Derzeit sind es mehr als 700. Der Verein trägt das Haus, das von der Stadt Frankfurt gefördert wird, aber bedeutende Teile seines Budgets aus der Vermietung von Räumen und der Zusammenarbeit mit Partnern bezieht. Zu ihnen hat Hückstädt neben zahlreichen Stiftungen das Städel Museum, das Museum für Moderne Kunst, das Deutsche Filminstitut und Filmmuseum, die Alte Oper und das Schauspiel Frankfurt gemacht.

          „Wir haben das Haus in die Mitte der Stadt gerückt“

          Er selbst war im Herbst 1995 das erste Mal im Literaturhaus zu Gast, als Zuhörer am alten Standort in Bockenheim, bezogen unter Gründungsgeschäftsführer Thomas Beckermann. Der 1969 in Schwedt geborene Literaturstudent war zur Buchmesse in der Stadt und hatte sich des bei Rowohlt gerade erschienenen „Atlas der neuen Poesie“ wegen in die heute der KfW gehörende Villa aufgemacht. Er fand das Podium toll besetzt, genoss das Café und hätte sich vermutlich nicht träumen lassen, Jahre später als Leiter in ein völlig neues Haus am anderen Ende der Stadt zurückzukehren.

          An der Schönen Aussicht hat er seit 2010 oft Gäste durch die Alte Stadtbibliothek geführt, die 1825 vollendet und nach ihrer Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wiedererrichtet wurde. Er hat ihnen von der durch Schopenhauer korrigierten Giebelinschrift berichtet und von der Kunsthalle Portikus, die in den Achtzigern hinter den Säulen des stehen gebliebenen Giebels erfolgreich war, vom alten Literaturhaus in der Nähe von Suhrkamp-Verlag und Goethe-Universität sowie der Eröffnung am neuen Standort unter seiner Vorgängerin Maria Gazzetti am 8. Oktober 2005.

          Was ist Hückstädt gelungen? „Wir haben das Haus in die Mitte der Stadt gerückt.“ Wie Gazzetti berichtet er von Bemerkungen, das neue Haus sei ja ganz schön, liege aber am völlig falschen Platz: „Das ist vollkommen verschwunden. Dieses Gespräch gibt es nicht mehr.“ Ein wenig stolz ist er aber auch auf das, was öffentlich geförderte Kultureinrichtungen im deutschsprachigen Raum leisten: „Wir sind Weltmarktführer für die Live-Begegnung von Publikum und Kultur.“ Das werde bleiben, der „Hunger nach Austausch“ sei in den vergangenen Jahren größer geworden. Eine gelungene Lesung ist für ihn mehr als eine Begegnung: „Eigentlich stellen wir Making-ofs her. Bei der idealen Veranstaltung habe ich in den Autor schon hereingeschaut, ehe ich das Buch aufgeschlagen habe.“ Für den Erfolg spiele allerdings auch das Publikum eine Rolle: „Das kann man sich nicht aussuchen, aber in Frankfurt ist es das beste, das man sich wünschen kann.“

          Netzwerk der Literaturhäuser

          Eine der bedeutendsten Kulturstätten Frankfurts feiere Jubiläum, heißt es in einer Mitteilung von Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD): „Seit nunmehr 30 Jahren begeistert uns das Literaturhaus Frankfurt für das geschriebene und gelesene Wort.“ Diesen Weg gelte es weiterzugehen: „Alles Gute dafür.“ Hartwigs Vorgänger Hilmar Hoffmann hatte Anfang der Neunzigerjahre die Idee einer Bürgerinitiative zur Gründung eines Literaturhauses aufgegriffen. In Berlin war kurz zuvor das erste eingerichtet worden. Das Netzwerk der Literaturhäuser, dessen Sprecher Hückstädt derzeit ist, versammelt inzwischen 15 ausgewählte Häuser in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

          Ein Haus müsse der Stadt entsprechen, sagt Hückstädt: „Aber auch der Zeit.“ Vom Projekt „Literatur in Einfacher Sprache“ bis zu den Festivals „Wir sind hier“ und „Textland“ sei das Programm daher politischer geworden: „Die Zeiten sind es und wir mit ihnen.“ Das gehöre zur Aufgabe des Hauses, Gastgeber zu sein. Und in Zukunft? „Wir wollen, dass der Besuch eines Literaturhauses zur Kindheit ebenso selbstverständlich dazugehört wie der beim Zahnarzt, das Schwimmen und der Zoobesuch.“

          30 Jahre Literaturhaus Frankfurt vom 22. Mai bis 24. Juni, weitere Informationen unter literaturhaus-frankfurt.de

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