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Literaturhaus Frankfurt : Die Ente bleibt draußen

Säulen der Weisheit: Wilhelm Genazino im Literaturhaus-Foyer Bild: Frank Röth

Im Literaturhaus Frankfurt stellt Autor Wilhelm Genazino seinen neuen Roman „Wenn wir Tiere wären“ vor.

          Der Mensch denkt zu viel, sagt Wilhelm Genazino im Frankfurter Literaturhaus. Wäre er ein Tier, ersparte er sich das ewige Reflektieren. So bleibt ihm nur der sehnsüchtige Blick auf die Tiere und deren gelassenes Sein im Nichtdenken. Viel nachgedacht haben Genazino und der Hanser-Verlag zu Beginn des Jahres auch über den Erscheinungstermin von „Wenn wir Tiere wären“. Da die Aufmerksamkeit des Publikums zunächst auf Genazinos frühe Romantrilogie „Abschaffel“ gelenkt werden sollte, die in diesem Frühjahr im Mittelpunkt des Lesefests „Frankfurt liest ein Buch“ stand, wurde der zu diesem Zeitpunkt schon fertige neue Roman des Büchnerpreisträgers noch für eine Weile zurückgehalten. Nun stellte Genazino ihn zum Auftakt der neuen Saison im vollbesetzten Lesesaal des Literaturhauses vor.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Erzählt wird der Roman von einem freischaffend tätigen Architekten, der für einen guten Bekannten und häufigen Auftraggeber Supermarktanbauten entwirft, zum Bau seines eigenen Lebenshauses aber so unfähig ist wie die meisten Genazino-Figuren. Nach dem Tod des Freundes landet er in einer Festanstellung, gerät auf kleinkriminelle Abwege, lässt sich auf ein Verhältnis mit der Witwe des Toten ein und betrügt seine Freundin, mit der er durchaus zusammenbleiben, aber auf keinen Fall zusammenleben will. Lauter ungewollte Entwicklungen und Verhältnisse also, vor denen der Erzähler auf Spaziergängen Reißaus nimmt, labil, empfänglich, geschwächt durch zu viele Erinnerungen und Erlebnisse und stets bereit, sich mit dem zufriedenzugeben, was Genazino „Fertigteilwelt“ nennt.

          „Überanstrengung des Romans“

          Auf einem seiner Wege durch die Stadt beobachtet der Erzähler auf einem Platz plötzlich eine schlafende Ente, sicher auf einem Bein balancierend. Das auch ohne höhere Bewusstseinsleistungen anmutige Tier wird ihm zum Sinnbild einer Schönheit, die man, wie er wehmütig hinzufügt, nie bewahren, sondern immer nur anschauen könne. Er aber schweift unstet weiter und verliert einen Anblick aus den Augen, in dem er sich, wie er gesteht, fast verloren hätte.

          Als Sisyphos wollte Genazino seinen traurigen Helden im Gespräch mit Hubert Spiegel, Redakteur im Feuilleton dieser Zeitung, verstanden wissen, als Kämpfer auf der vergeblichen Suche nach dem „noch nicht Gebrauchten“ und einem Ich, „das noch keinen Schaden genommen hat“. Viel zu wenig verlässt er sich dabei auf seine durchaus vorhandene Fähigkeit zur Beobachtung. Dabei ist sie es, die dem Menschen, dem vernunftbegabten Tier, einiges über sich selbst mitteilen könnte. Das gilt vor allem dann, wenn man sie, wie Genazino es an diesem Abend ausdrücklich tut, im Sinne Jacques Lacans auffasst. Die Theorien des französischen Psychoanalytikers sind voller Menschen, die auf die Begegnung mit einem Doppelgänger hoffen, von dessen Betrachtung sie Aufschluss über sich selbst erwarten.

          „Der Roman muss so entstehen, wie wir sehen“

          Auch Genazino ist fest davon überzeugt, „dass man immer beobachtet, um sich selbst zu beobachten, auch wenn man andere beobachtet“. Dass dies nie ganz gelingen kann, steht für ihn allerdings ebenso fest. Nichts sei schließlich jemals zur Gänze zu sehen, jeder Mensch nehme immer nur selbstgewählte Ausschnitte wahr. Dies sei auch der Grund dafür, dass ihm „Großprobleme“ wie der Euro nicht in seine Romane kämen. Da drohe nicht nur der Stammtisch, das führe auch zur „Überanstrengung des Romans“. Autoren bemerkten oft nicht, dass ihre Bücher schon voll seien und sie einen Ausschnitt wählen müssten. „Der Roman muss so entstehen, wie wir sehen.“

          Überhaupt bedeutet die Tatsache, dass der Mensch, anders als das Tier, über sich nachdenkt, für Genazino nicht, dass er darin besonders erfolgreich wäre. Für ihn kann der Roman, der reflektierter zu sein hat als der Alltag, zeigen, warum wir denken, was wir denken. Aber meist, ließe sich hinzufügen, merken wir nichts. Im Leben des Menschen ist kein Platz für die Ente.

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