https://www.faz.net/-gzg-a8tch

Literaturhaus Frankfurt : Wer da ist, hat Ansprüche

Imitatorin des Festivals „Wir sind hier“: Verlegerin Selma Wels Bild: Carolin Weinkopf

Zum Jahrestag des Attentats von Hanau beharrt das Literaturhaus Frankfurt auf Diversität. Unter dem Festival-Motto „Wir sind hier“ sind Autoren geladen, die sich mit Rassismus beschäftigen.

          3 Min.

          Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) nennt die Namen der Toten und preist Frankfurt mit salbungsvollen Worten: „Wir stehen für die Nähe, den Zusammenhalt und die Liebe.“ Für Mohamed Amjahid fühlte sich das einst anders an. Der 1988 geborene Journalist hat seine frühe Kindheit in der Stadt verbracht: „Ich hatte nie Vertrauen in die Sicherheitsbehörden.“ Seine Mutter wurde in den achtziger Jahren in der S-Bahn von einem Neonazi geschlagen, wandte sich an die Polizei und wurde ausgelacht. Deutsche ohne Migrationshintergrund müssten verstehen, was so etwas mit einem anstelle, sagt der Journalist im Frankfurter Literaturhaus: „Diese jahrzehntelange Andersmachung.“

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Wir sind hier“ heißt das Festival für kulturelle Diversität, das die Verlegerin Selma Wels initiiert und zusammen mit dem Literaturhaus und der Bildungsstätte Anne Frank entworfen hat. Gefördert wird es von der schwarz-grünen Landesregierung und dem Kulturfonds Frankfurt Rhein-Main, Schirmherrin ist neben ihrer Parteifreundin Ina Hartwig die Frankfurter Integrationsdezernentin Sylvia Weber (SPD), deren Grußwort man die nahende Kommunalwahl allzu sehr anmerkt. Sie erklärt, „allyship“ bestehe darin, „weiße Privilegien“ zu erkennen, weshalb sie den Livestream nunmehr umstandslos für das Podium freigebe. Erst dann wird das Stadtoberhaupt zugeschaltet. Alles in allem dauern die Ansprachen Webers und Feldmanns gut 15 Minuten.

          „Wir werden migrantisiert“, sagt die Kabarettistin Idil Baydar, nachdem sie als Moderatorin des Abends endlich das Wort hat: „Man muss sich um uns kümmern, wir sind problematisch.“ Am Ende des Abends stellt sie dem eine pointierte Frage entgegen: „Was sollten wir feiern an uns migrantisiert gelesenen Menschen?“ Denn Repräsentation ist wichtig. In alle Richtungen.

          Es gibt immer noch Parallelwelten

          Die Anwältin Seda Basay-Yildiz, wie Baydar Empfängerin von Drohschreiben mit der Unterschrift „NSU 2.0“, denkt an Vorbilder für diverse migrantische Gemeinschaften: „Wie kann es sein, dass manche Menschen hier noch nicht angekommen sind? Tatsächlich gibt es immer noch Parallelwelten.“ Als die 1976 in Marburg zur Welt gekommene Schülerin sich in den neunziger Jahren zum Studium in die Großstadt aufmachte, äußerten Bekannte der Eltern Bedenken, an die sich die Familie nicht hielt: „Wir müssen Wege aufzeigen.“ Baydar bewundert sie: „Die Leistung, die du da hingelegt hast.“ Und fügt hinzu: „Für dieses Land.“

          F+ FAZ.NET komplett

          Vertrauen Sie auf unsere fundierte Corona-Berichterstattung und sichern Sie sich 30 Tage freien Zugriff auf FAZ.NET.

          JETZT F+ KOSTENLOS SICHERN

          Ohnehin hat der Abend seine geradezu patriotischen Stellen. „Mein Buch wurde als wütend bezeichnet“, sagt die Journalistin Ferda Ataman, Verfasserin von „Ich bin von hier. Hört auf zu fragen!“ (S. Fischer): „Ich fand es überhaupt nicht wütend.“ Höchstens geprägt von einem gesunden Zorn, der zeige, dass man Ansprüche habe und sich nicht zufriedengebe: „Wir finden, es könnte besser laufen. Man sollte diese Wut als positive Zuneigung auslegen.“

          Die deutsche Erinnerungskultur sei bemerkenswert, sagt Ataman: „Aber dann gab es einen Backlash.“ Amjahid sekundiert ihr. Sein neues Buch „Der weiße Fleck“, das im März bei Piper erscheint, beginnt er mit dem Satz: „Mein Name ist Mohamed und ich mache mir große Sorgen um meine körperliche Unversehrtheit.“ Von Trump bis Orbán liefen westliche Demokratien Gefahr, zur Bedrohung für ihre Minderheiten zu werden: „Gleichzeitig sind viele Angehörige dieser Minderheiten sprechfähiger denn je.“ Was in den vergangenen Jahren enorme Gegenwehr erzeugt habe, von Sarrazin bis zur AfD.

          Erinnerung an das Attentat von Hanau als Wendepunkt

          Die Erinnerung an das Attentat von Hanau könnte einen Wendepunkt darstellen, hofft Ataman: „Das sind die Tage, an denen wir gemeinsam gedenken.“ Amjahid ist skeptischer: „Ganz viele junge Menschen haben sich nicht abgewendet von diesem Staat, die waren noch nie so richtig dicke mit ihm.“ Es sei fatal, dass diese Skepsis nicht aufgelöst werden könne, sondern Innenminister sich immer wieder aufs Neue erstaunt zeigen müssten über neuentdeckte rechtsradikale Chatgruppen unter ihren Polizisten.

          Bei einer Berliner Demonstration für „Black Lives Matter“ habe er sich voriges Jahr beim Blick auf seine Mitdemonstranten gefragt, wo sie nach Hanau, Halle und dem Mord an Walter Lübcke gewesen seien: „Wir müssen uns um eine deutsche Debatte bemühen, die weh tut, aber notwendig ist.“ Obwohl er etwas gegen reine Symbolpolitik hat: „Da wird nur Opferporno gemacht.“ Ataman widerspricht: „Ich finde es sehr wichtig, dass der Bundespräsident nach Hanau gekommen ist. In Solingen und Mölln kam keiner.“

          Wir sind hier: 20. Februar, 15 und 19.30 Uhr, Streaming-Tickets über literaturhaus-frankfurt.de

          Weitere Themen

          „Straight outta Hessen“

          Rassistische Anfeindungen : „Straight outta Hessen“

          Omar Shehata kandidiert für die SPD bei den Kommunalwahlen. Wegen seines Wahlplakats wird er in den sozialen Medien rassistisch angefeindet. Dabei ist er in Frankfurt geboren und aufgewachsen, ein echter Frankfurter Bub eben.

          Topmeldungen

          Immer noch beliebt bei der Basis – Donald Trump, hier als Figur in Gold.

          Konferenz der Konservativen : Will Trump 2024 wieder antreten?

          Donald Trump hält die erste Rede nach seinem Abschied aus dem Weißen Haus. Auf einer Konferenz der Konservativen geht es um den Führungsanspruch bei den Republikanern. Wird es der Startschuss für sein Comeback?
          Die vielfach ausgezeichnete Wissenschaftsjournalistin Mai-Thi Nguyen-Kim, hier auf ihrem YouTube-Format „maiLab“.

          Mai-Thi Nguyen-Kim im Gespräch : Lager bilden hilft nicht

          Wir brauchen ein besseres naturwissenschaftliches Grundwissen, um uns gegen Desinformation zur Wehr zu setzen. Ein Gespräch mit der Wissenschaftsjournalistin Mai-Thi Nguyen-Kim.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.