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Frankfurter Literatur-Verein : Bücher aus aller Welt

Unabhängiger Verkauf, unbekannte Autoren: die Buchhandlung „Magic Tree Books“ in Pretoria Bild: AFP

Seit 40 Jahren sorgt ein Frankfurter Verein dafür, dass deutschsprachige Verlage Titel aus dem globalen Süden herausbringen. Das Resultat: 800 Bücher, von denen viele ohne Hilfe vermutlich nie erschienen wären.

          3 Min.

          Damals, als man noch „Dritte Welt“ sagte, in grauer Vorzeit also, noch vor dem Mauerfall, dem Ende alten Blockdenkens und zwei bis drei Jahrzehnten rasanter Globalisierung, waren Romane aus Westafrika oder Gedichte aus Südostasien für die meisten deutschsprachigen Leser unbekannte Kontinente, weiße Flecken auf der literarischen Landkarte. Es gab sie nicht, zumindest nicht in Übersetzung. Die Mitglieder eines Vereins aus Frankfurt, die sich besser auskannten als der Durchschnittsleser, nahmen sich vor, das zu ändern.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Vierzig Jahre ist der Entschluss her. Seitdem hat die Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika ihn in die Tat umgesetzt. In viele Taten. Mehr als 800 Titel hat sie seit ihrer Gründung gefördert, finanziert vor allem mit Mitteln des Auswärtigen Amtes in Berlin, das zu dieser kleinen Ecke Kultur- und Entwicklungspolitik in seinem Portfolio bis heute steht. Viele Jahre gab es für Schweizer Verlage Geld der Stiftung Pro Helvetia, heute stammt es aus dem Südkulturfonds der Schweizer Bundesregierung. Das Resultat: 800 Bücher, von denen viele ohne Hilfe aus Frankfurt vermutlich nie erschienen wären.

          „Wir sind irgendwie alles“

          Und wenn Bücher aus dem Süden der Welt heute vielfach in großen Verlagen erscheinen, liegt das auch an der jahrzehntelangen Aufbauarbeit von Litprom. So nennt sich die Gesellschaft heute. Untergebracht ist sie im Haus des Buches an der Braubachstraße in der Frankfurter Innenstadt, zur Miete beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels und der Frankfurter Buchmesse, deren jeweiliger Direktor traditionell den Vorsitz des Vereins übernimmt.

          Von dort aus veranstaltet sie jedes Jahr im Januar die „Literaturtage“, die Autoren aus einer ausgewählten Weltgegend im Frankfurter Literaturhaus versammeln, und veröffentlicht viermal im Jahr die „Bestenliste Weltempfänger“, auf der eine Jury aus Literaturkritikern Buchempfehlungen gibt. „Wir sind weder Veranstalter noch Verleger noch Agenten“, sagt Anita Djafari, Litprom-Geschäftsführerin bis zum Beginn ihres Ruhestandes Ende Oktober: „Wir sind irgendwie alles. Wir sind einmalig.“

          Politisch korrekte Rede vom globalen Süden

          Gäbe es die Corona-Pandemie nicht, würde das im Herbst mit einer Ausstellung gefeiert. So bleibt es bei einem Afrika-Symposion am Montag der Buchmessenwoche, mit vielen Beteiligten, die sich im ehemaligen Literaturhaus an der Bockenheimer Landstraße versammeln oder zugeschaltet werden. Den Hauptvortrag soll der kenianische Autor Ngugi wa Thiong’o halten, seit langem Nobelpreiskandidat. Wenn alles ganz besonders gut läuft, kann während der Bücherschau auch der Liberaturpreis persönlich überreicht werden, den Litprom seit 2013 an Autorinnen aus Asien, Lateinamerika und Afrika vergibt. Für die in den Achtzigern von einer Initiative an der Christuskirche im Frankfurter Westend gestiftete Auszeichnung kann man bis Dienstagabend seine Stimme abgeben. Ob die Preisträgerin aus einem Land stammt, für das im Herbst keine Reisebeschränkung gilt, so dass sie die Ehrung in Frankfurt entgegennehmen kann, entscheidet sich vermutlich erst kurz zuvor.

          Klar ist hingegen schon jetzt, dass es auf dem Symposion um 40 Jahre Literaturvermittlung gehen soll, um die Unterschiede zwischen damals, als man den globalen Süden außerhalb des auf Augenhöhe bedachten Vereins meist nur als großen Bogen hilfsbedürftiger Entwicklungsländer wahrnahm, und heute, da eine argentinische Comiczeichnerin bei einer Litprom-Veranstaltung darauf hinweist, welche Unterschiede zwischen einzelnen Ländern selbst die politisch korrekte Rede vom globalen Süden einebnet.

          Litprom steht für Vielfalt. Im „Weltempfänger-Salon“ hat Djafari Autoren wie die von einem neuen Prozess bedrohte türkische Dissidentin Asli Erdogan zu Gast gehabt, auf den „Literaturtagen“ hat sie den Friedenspreisträger Boualem Sansal ebenso zu Wort kommen lassen wie den südafrikanischen Krimiautor Deon Meyer, Bücher der Algerierin Assia Djebar hat sie ebenso gefördert wie die des Ägypters Nagib Mahfouz. Wenn sie nach der Buchmesse in Rente geht, zusammen mit einer weiteren von derzeit fünf Kolleginnen, werden die beiden Stellen, da das Geld in der Buchbranche in Corona-Zeiten knapp ist, zunächst nicht wiederbesetzt. Im 40. Jahr seiner Tätigkeit sei es gesagt: Was dieser Verein sich einmal verdient hätte, wäre eine institutionelle Förderung. Vielleicht hört die Bemerkung ja eine Dezernentin oder Ministerin in Frankfurt, Wiesbaden oder Berlin.

          Djafari jedenfalls ist stolz darauf, das Interesse immer neuer Leser geweckt zu haben. So wie bei den Kollegen vom Chor Cantus Wirena bei ihr zu Hause in Wehrheim im Taunus, die sich vor ein paar Jahren eine von ihr herausgegebene Anthologie kauften. Und mochten: „Die Leute fühlen sich bereichert. Und das ist schön.“ Der Jury des „Weltempfängers“ bleibt Djafari verbunden. Schließlich ist da draußen noch immer eine große Literaturwelt, die empfohlen sein will.

          Stimmen Sie ab

          Noch bis Dienstagabend um Mitternacht kann man sich im Internet an der Abstimmung über den Liberaturpreis beteiligen. Die mit 3000 Euro dotierte Auszeichnung wird seit 1987 ausschließlich an Schriftstellerinnen aus Afrika, Asien und Lateinamerika vergeben, seit ein paar Jahren in Form eines Publikumspreises. Zu den zwölf Kandidatinnen, die von der Kritiker-Jury der Bestenliste „Weltempfänger“ vorgeschlagen wurden, zählen die Mexikanerin Aura Xilonen mit ihrem Roman „Gringo Champ“ (Hanser), die Kolumbianerin Melba Escobar mit dem Roman „Die Kosmetikerin“ (Heyne) und Karina Sainz Borgo mit ihrem Roman „Nacht in Caracas“ (S. Fischer). Weitere Informationen zu allen Nominierten und ihren Büchern gibt es unter www.litprom.de, dort wird auch abgestimmt.

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