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Literatur : Und wer räumt den Christbaumschmuck weg?:

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Stehen Sie im Supermarkt auch immer in der falschen Warteschlange? Dann haben Sie etwas mit Axel Hacke gemeinsam. Der Absolvent der Deutschen Journalistenschule gilt seit knapp anderthalb Dekaden als literarische Kultikone.

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          Stehen Sie im Supermarkt auch immer in der falschen Warteschlange? Dann haben Sie etwas mit Axel Hacke gemeinsam. Der Absolvent der Deutschen Journalistenschule in München und Student der Politischen Wissenschaften gilt seit knapp anderthalb Dekaden als literarische Kultikone mit sensorischem Gespür und ironischem Sinn für Geschichten des Alltags. Einen wahnwitzigen und absurden Alltag. Zumindest lassen die Kolumnen des gebürtigen Braunschweigers, Jahrgang 1956, das vermuten, mit denen der ehemalige Sportreporter und politische Kommentator seit 1990 wöchentlich freitags die Seiten des Magazins der "Süddeutschen Zeitung" und mittlerweile auch diverse, in neun Sprachen übersetzte Bestseller-Bücher füllt. Anläßlich seiner jüngsten Publikation, "Das Beste aus meinem Leben - Mein Alltag als Mann", gastiert der für seine journalistischen Arbeiten mit dem Joseph-Roth-Preis (1987), dem Egon-Erwin-Kisch-Preis (1987 und 1990) und dem Theodor-Wolff-Preis (1980) ausgezeichnete Autor im bis auf den letzten Platz ausverkauften Frankfurter Mousonturm.

          Ganz unspektakulär und etwas verspätet startet Axel Hacke seine Lesung. Lesung? Performance wäre wohl die bessere Terminologie über einen knapp anderthalbstündigen Auftritt, bei dem die komischsten und melancholischsten, die ältesten und die allerneuesten, in jedem Fall aber die besten und beliebtesten von Hackes legendären Kolumnen zu Gehör kommen. Dazwischen erzählt der smarte Wahl-Münchener mit der akkuraten linksgescheitelten Frisur und dem Faible, in ausgewaschenen Jeans zu hellbraunen Schuhen, mittelgrauem Hemd unter gleichfarbigem Wollpullover eine Lobby für modisches Understatement zu präsentieren, aus seinem wildbewegten Autorenleben und zitiert genüßlich aus der umfangreichen, mitunter kauzigen Korrespondenz mit seiner Leserschaft.

          Axel Hacke spricht schnell, klar und flüssig, mit angenehmem Stimmtimbre, das an die Versiertheit eines Synchronsprechers für Fernsehdokumentationen erinnert. Wie schräg, nervtötend und unglaublich die von ihm geschilderten Geschehnisse auch immer sein mögen: Es ist das wahre Leben mit seinen Ärgernissen, Mühen und Stolpersteinen, die jeder nur zu gut kennt und die uns alle so sehr zermürben. Das komische Potential in ganz gewöhnlichen, alltäglichen Situationen zu entdecken, ihnen skurrile Seiten abzugewinnen, den Ablauf im Rahmen gerade noch denkbarer Glaubwürdigkeit zuzuspitzen und das Ganze dann mit hoher Pointendichte zu schildern, das ist Hackes Kunst, und die beherrscht er meisterhaft. Was in seinem, zum Teil fiktiven Mikrokosmos geschieht, der im wesentlichen aus seiner Frau Paola, dem kleinen Sohn Luis und Bosch, dem philosophierenden Kühlschrank, besteht, sorgt für Dauerstrapazierung des Zwerchfells.

          Wer weiß schon über die Probleme, welche einen überfallen können, wenn man versucht, in einer Weinhandlung eine Flasche edlen Tropfens zu erstehen, oder die Unbillen, die eine Essenseinladung bei einem Chinesen zur Folge haben kann? Was hat moderne Kunst mit Kindererziehung zu tun? Wieviel Wurst- und Fleischwaren darf ich als erziehender Elternteil meinem Zögling zuführen? Warum sind Frauen meistens "Wegschmeißer" und Männer oft "Behalter", und wer räumt letztendlich den schon seit Monaten herumliegenden Christbaumschmuck weg? Was passiert mit dem vor Wochen zwischen die Autositze gerutschten, mittlerweile ranzigen Käsestück, und was tue ich, wenn mein Kühlschrank plötzlich des Nachts tiefschürfende Gespräche mit mir führen will? Wer also behauptet, im normalen Leben sei man mit keinerlei Schwierigkeiten und Herausforderungen konfrontiert, berichtet nicht die Wahrheit. In bewundernswerter Kleinarbeit hat Axel Hacke nicht nur eine große Anzahl dieser Kurzgeschichten zwischen Heiterkeit, Ironie, mittelschweren Albträumen und Tendenz zur leichten Schizophrenie und Paranoia geschrieben. Nein, er lebt sie im sprichwörtlichen Sinne. Wie ein gelernter Schauspieler gibt er seinen Protagonisten verschiedene Stimmen, arbeitet filigran die Nuancen des fertigen Textes heraus. Die stilistische Nähe scharfzüngiger Comedians wie Dieter Nuhr oder Rüdiger Hoffmann zu Hacke kann da nur von rein zufälliger Natur sein.

          Doch damit wäre der zum Finale von seinem Auditorium frenetisch bejubelte, zu zwei Zugaben bereite Hacke nur unzureichend beschrieben. Schließlich gehörte er zu jener Sorte herausragender Autoren, die sich weder mit dem bloßen Tagesgeschäft zufriedengeben noch in sprachlichem Blendwerk erschöpfen. Sicherlich, auch er bedient Klischees, mit der sich seine Klientel mitunter sogar beängstigend stark identifiziert. Sein Anliegen indes geht tiefer: Was bei einem literarisch ähnlich gelagerten Kollegen wie Wladimir Kaminer einfach eine gute Geschichte ist, wird bei Axel Hacke zur Parabel, zu einem weiteren kongenialen Beispiel über die Absurdität des Lebens, die stets in der Frage des Seins mündet: Woher komme ich, und wohin gehe ich - immer mit einem lachenden und einem weinenden Auge erzählt. Der in Berlin lebende Exilrusse darf seit Anfang des Jahres im dritten Fernsehprogramm des WDR eine regelmäßige Literatur-Show namens "Kaminers Club - Lesen, Talk & Rock 'n' Roll" bestreiten. Warum Hacke hingegen im Hörfunk von Bayern 3 verkümmert, weiß das Schicksal allein. Michael Köhler

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