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Literatur : Gerald Zschorsch liest Gedichte in slawischem Licht

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"Steine, Kiefern und Auen/und gerissene Luft./Horizonte, die blauen;/Salz- und Brackwasserduft." Gerald Zschorsch weiß ganz genau, wo er leben möchte, hätte er nur das nötige Geld und die Frau, die ihn in die östlichen Weiten begleitet.

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          "Steine, Kiefern und Auen/und gerissene Luft./Horizonte, die blauen;/Salz- und Brackwasserduft." Gerald Zschorsch weiß ganz genau, wo er leben möchte, hätte er nur das nötige Geld und die Frau, die ihn in die östlichen Weiten begleitet. Als der Frankfurter Lyriker 1998 als erster Stipendiat der Robert-Bosch-Stiftung in der Krakauer Villa Decius weilte, fand er Geschmack an der östlichen Lebensart. Seitdem hat es ihn immer wieder gen Morgen gezogen: nach Lettland und Estland, in die Ukraine und vor allem in jenes magische Dreieck unter der Kurischen Nehrung, wo Polen, Litauen und Weißrußland sich begegnen. "Dort gibt es Raum", sagt er ganz unbekümmert, "Himmel und Horizonte, und die wenigen Menschen gehen menschlich miteinander um."

          "Nehrung: kurisch und baltisch/und ostisch weitab./Da tanzen tote Seelen/und sie tanzen so schlapp." Seine Erinnerungen an das einstige "Kurland" hat Zschorsch ebenso in Verse gebannt wie den Taufengel von Kossin, die Altstadt von Warschau und den Bahnhof von Czerwonka. Unter dem Titel "Eizahn" zieren sie des Dichters zehnten Lyrikband, der insgesamt 50 neue Gedichte umfaßt und jetzt als letzte Abteilung in der lyrischen Gesamtausgabe unter dem Titel "Torhäuser des Glücks" bei Suhrkamp erschienen ist. Aus diesen Gedichten wird Zschorsch morgen um 20 Uhr im Frankfurter Literaturhaus lesen und Martin Mosebach, seinem Kollegen von der epischen Zunft, Rede und Antwort stehen.

          "Kälte ist zu empfehlen,/wo es anrüchig wird./Es geht sich leichter über gefrorenen Schlamm." - Diese Worte Ernst Jüngers hat Zschorsch seinen jüngsten Gedichten vorangestellt. Kurz angebunden zwischen schnittigen Reimen, hat er sogar die Landschaftsgedichte heruntergekühlt, um den Fallstricken der Idylle zu entgehen. Erst recht aber gilt das Motto für die erotischen Gedichte. In ihnen beschwört der Autor Sinnliches zwischen Fetischismus und Ekstase, zwischen Obszönem und Zärtlichem, behandelt es kalt und resümiert im "Gegenläufigen Gedicht": "Die Erde braucht Liebe nicht;/ein Gedicht/und Haltung." Dennoch klingen diese Gedichte anders als seine frühen Agitprop-Verse aus den ersten drei Lyrik-Bänden oder seine aggessiven Langgedichte aus dem "Eisernen Felix", seinem vorletzten Band.

          "Kenn ein Land, wo man scharf ist auf Blut,/wo man Kinder zu Greisen macht." - Zschorsch hat gelernt sich zu wehren. 1951 in Elsterberg im Vogtland geboren und aufgewachsen in Plauen, versuchte er schon früh, seine Eltern links zu überholen. Doch gegen den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in Prag wehrte er sich 1968 mit Flugblättern. Das mußte er mit zwei Jahren Jugendhaft büßen. Der "Kettenburg" von Gräfentonna hat er im "Eisernen Felix" ein bitteres Denkmal gesetzt. Nach der Haft suchte er im Theater Unterschlupf. Aber als er sein Gedicht "Expression" veröffentlichte, wurde ihm im Sommer 1972 abermals der Prozeß wegen "staatsfeindlicher Hetze" gemacht. An Weihnachten 1974 kaufte ihn die Bundesrepublik für 35000 Mark aus dem Gefängnis von Cottbus frei. Zschorsch studierte in Gießen Philosophie bei Odo Marquardt und kam nach einem Intermezzo in der Villa Massimo 1982 nach Frankfurt.

          "Spiel mir, oh Spielemann,/eine alte Weise./Von der Schönheit angetan/und von ihrem Preise." Rom hat einen anderen Menschen aus ihm gemacht. Zschorsch hat sich der Schönheit verschrieben und die Politik mehr und mehr hinter sich gelassen. Aber: "Das Schöne ist gnadenlos, denn es ist meßbar", warnt er. Der Dichter glaubt sogar, mit Schönheit gegen den Fundamentalismus angehen zu können, denn "Schönheit ist ein nacherzählbarer Wert". Seine Stasi-Akten bei der Birthler-Behörde dagegen will er einem Studenten für ein Forschungsprojekt überlassen. Auch das Zeichnen hat er in Rom gelernt: In der Berliner Galerie Brusberg am Kurfürstendamm sind seine Zeichnungen derzeit ausgestellt. Nach 22 Jahren fühlt sich Zschorsch aber in Frankfurt zu Hause. Wäre da nicht "slawisches Licht/Das bricht." Claudia Schülke

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