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Literatur : Die Vorleser

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Prominente werben für Bücher: Iris Berben Bild: dpa/dpaweb

Als Auftakt zum „Welttag des Buches“ am nächsten Sonntag haben in der Frankfurter Alten Oper Prominente schon einmal ihr Lieblingsbuch vorgestellt.

          Annette Frier mag keine Ohrensessel. Sie rutscht so tief in die Polster, daß sie kaum mehr über die Armlehne zu schauen vermag. Lesen kann sie so nicht, Vorlesen schon gar nicht. Das wäre aber zu schade. Schließlich hat sie ihr Lieblingsbuch mitgebracht. Deshalb setzt sie sich auf die äußerste Kante des ungeliebten Möbelstücks und klappt Mikael Niemis „Populärmusik aus Vittula“ in der Mitte auf.

          Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat die Schauspieler Annette Frier, Iris Berben und Rainer Hunold und den Schriftsteller Jan Weiler in den Mozartsaal der Frankfurter Alten Oper eingeladen. Sie sind die „Leseköpfe 2006“ und wollen zusammen mit Moderatorin Bettina Böttinger Lust auf Literatur wecken. Anlaß ist der Unesco- „Welttag des Buches“ am kommenden Sonntag. Die vier prominenten Leser stellen die Bücher vor, die sie besonders ins Herz geschlossen haben.

          „Populärmusik aus Vittula“ sei lustig und traurig zugleich, habe sie zum Lachen gebracht und gerührt, erzählt zum Beispiel Annette Frier. Warum ihr das so gegangen ist, kann das Publikum schon nach den ersten Sätzen über Matti und Niila nachvollziehen.

          Einen Lippenstiftmund küssen

          Die beiden heranwachsenden Jungen entdecken in der winzigen schwedischen Grenzstadt Pajala Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre den Rock 'n' Roll. Mattis Eltern sind zum Autobingo auf den Fußballplatz gefahren, und die zwei Freunde schleichen in das Zimmer der älteren Schwester. Denn nur dort gibt es den Plattenspieler, auf dem sie ihr Beatles-Album hören können.

          Versehentlich ertappen Matti und Niila die Schwester und deren Mitschülerinnen beim Biertrinken. Die Mädchen sind darüber erbost: Sollte Matti den Eltern jemals davon erzählen, würden sie ihn über der Lötlampe rösten, rufen sie. Doch bei dem Knistern der Schallplatte versöhnen sie sich, und Matti darf sogar zum ersten Mal einen Lippenstiftmund küssen. Weil Niila sein bester Freund ist, zeigt er ihm anschließend, wie das geht. Und das Kapitel endet mit einem „salzigen Jungs-kuß“.

          Iris Berben hat Alexander Granachs Autobiographie „Da geht ein Mensch“ ausgewählt. Alexander Granach stammt aus einem kleinen galizischen Dorf, das „Wierzbowce auf polnisch, Werbowitz auf jiddisch und Werbiwizi auf ukrainisch“ hieß. Iris Berben bewundert ihn für seine drei Karrieren: Zunächst war Alexander Granach Bäcker und Spezialist für Kaisersemmeln, dann zog es ihn auf Max Reinhardts Bühne und zum Film an die Seite der Garbo, schließlich schrieb er seine Memoiren.

          Hauptsache, es wird gelesen

          Am meisten verehrt Iris Berben ihn jedoch, weil er sehr genau beobachten konnte. Die Bewohner seines Schtetls, die Kinder in den Stallungen, die Eltern auf dem Feld, die Nachbarn auf der Straße - er sah jede Regung und jedes Detail. „Vielleicht konnte er das, weil er Menschen liebte“, vermutet Iris Berben. Sicher sei zumindest: „Weil er das konnte, zieht er uns in eine Welt, die wir nicht mehr kennen und nicht mehr kennen können.“ In die Welt der Großfamilie und der Dorfgemeinschaft Ostgaliziens, aber auch in die Welt des bohrenden Hungers und des billigen Schrotmehls.

          Viel Zeit für eine Fragerunde bleibt nicht. Der Diskussionsbedarf ist allerdings nicht allzu groß. Schließlich sind sich in der wichtigsten Frage ohnehin alle einig: Hauptsache, es wird gelesen, im Flugzeugsitz, auf dem Strandtuch und im Hotelbett. Und notfalls auch im Ohrensessel.

          „Welttag des Buches“

          Der „Welttag des Buches und des Urheberrechts“ wird seit 1995 begangen, in Deutschland seit 1996. Er geht auf einen Beschluß der 28. Generalkonferenz der Weltkulturorganisation Unesco zurück. Der Tag soll auf die unverzichtbare Rolle des Buches in der Informationsgesellschaft sowie die Rechte der Autoren hinweisen. Der 23. April wurde gewählt, weil er der Todestag sowohl von Shakespeare als auch des spanischen Dichters Cervantes ist.

          Für die Buchbranche ist der „Welttag des Buches“ insofern wichtig, als das Buch an diesem Tag wie an kaum einem anderen im Jahr im Blickpunkt von Öffentlichkeit und Medien steht. Unzählige Buchhandlungen organisieren Veranstaltungen. Schulen, Bibliotheken, Literaturhäuser und Verlage engagieren sich bundesweit mit Lesungen oder Wettbewerben. (lhe.)

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