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Literatur : Die Liebe, die Frau, ein Kind: Eine Diskussion zu Goethes „Faust“

Der Frust ist begreiflich: Wenn die Schüler einer elften Klasse es nur noch "geil" finden, "wie da so eine Unschuld zugrunde gerichtet wird", hat auch die Lehrerin bald die Lust an Faust und Gretchen verloren.

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          Der Frust ist begreiflich: Wenn die Schüler einer elften Klasse es nur noch „geil“ finden, „wie da so eine Unschuld zugrunde gerichtet wird“, hat auch die Lehrerin bald die Lust an Faust und Gretchen verloren. „Ich finde den „Faust“-Stoff zum Kotzen“, beschwerte sich jetzt eine geplagte Deutschlehrerin im Goethehaus und brachte Michael Thalheimer gegen sich auf. „Das ist verdammt noch mal Ihr Job“, entgegnete der Regisseur aus Berlin mitleidlos. Sein Kollege Jan Bosse aus Hamburg, selber Sohn einer Lehrerin, hatte da mehr Verständnis und empfahl, den Text mit verteilten Rollen zu lesen. Aus den lichten Reihen im Arkadensaal meldeten sich weitere Pädagogen zu Wort: mit Entsetzen oder mit guten Ratschlägen. Alle aber waren sich darin einig, daß Goethes „Faust“ nicht aus den Lehrplänen der deutschen Gymnasien genommen werden dürfe. Nur: „Uns wird es nicht gelingen, die Schule zu reformieren“, resümierte Thalheimer.

          Claudia Schülke

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der kurzen, aber erregten Publikumsdiskussion war ein Gespräch der beiden Regisseure über die eigenen „Faust“-Inszenierungen vorausgegangen. Anne Bohnenkamp-Renken, Direktorin des Freien Deutschen Hochstifts, hatte die beiden Aufführungen gesehen, die im Mai und Juni im Frankfurter Schauspiel gastierten, und wollte nun Näheres wissen, was den reizbaren Thalheimer gelegentlich zur Weißglut trieb. Zunächst faßten beide Künstler ihr jeweiliges Regie-Konzept kurz zusammen. Sie mußten sich gegen theaterhistorische Mythen durchsetzen: Bosse mit seinem „Faust I“ am Deutschen Schauspielhaus Hamburg gegen Gustaf Gründgens' Inszenierung von 1957, Thalheimer, der am Deutschen Theater Berlin erst vor zwei Wochen den zweiten Teil des „Faust“ präsentiert hat, gegen Max Reinhardts Inszenierung von 1911. Beiden ist es zur Freude des nachgeborenen Publikums endlich gelungen - in völlig verschiedener Lesart.

          Bosse hat seinen „Faust“ gemeinsam mit seinem Protagonisten Edgar Selge ausgeheckt, und der konnte sich den großen Eingangsmonolog nur als „Aufbruch“ vorstellen und ohne vierte Wand. Also entstand ein sehr „öffentlicher“ Auftritt des Titelhelden auf einer Spielscheibe mitten im Publikum, das Faust auf seiner dreistündigen „Reise“ durch die Welt zur Hölle begleitet. Auch auf den „Prolog im Himmel“ wollte Bosse nicht ganz verzichten, weil er die Macht, die ihr Spiel mit Faust treibe, erfahrbar machen wollte. Thalheimer hat den Text radikal auf den Gedanken reduziert, den er herauslas: Faust und Mephisto sind Teile derselben Person, alles findet in Fausts Kopf statt. Von solch einem Monodrama hat schon Goethe geträumt. Seine Sprache wird in allen möglichen artifiziellen Tonlagen zum Gegenstand der zweistündigen Inszenierung. Die Gretchenfrage nach der Religion läßt Thalheimer sogar fünf- bis zehnmal wiederholen.

          Kein „Aufbruch“ also, sondern „ein Requiem für die ganze Menschheit“. Thalheimer weiß, was die Welt im Innersten zusammenhält: „die Liebe, die Frau, ein Kind, der Schoß der Frau“. Fast zwei Jahre hat er sich unter anderem mit Professoren über den „Terrormenschen“ Faust und dessen Absolutheitsanspruch auseinandergesetzt. Dann stand Ingo Hülsmann 60 Minuten allein im Scheinwerferlicht vor einer sich drehenden Welt. Daß der Schauspieler am zweiten Weihnachtsfeiertag für den verletzten Selge in Hamburg eingesprungen sei, habe in ihm eine ungeheure Energie freigesetzt, müsse allerdings eine Ausnahme bleiben. Bosse pflichtete bei: Weder Selge noch Hülsmann seien ersetzbar. Beide Regisseure waren überzeugt, daß es umgekehrt nicht geklappt hätte. Von der Reduktion zu einer ausufernden Inszenierung überzugehen sei leichter als umgekehrt, sagte Bosse. Dennoch mußte der Hamburger Mephisto den fremden Faust hin und herschieben.

          Keiner der beiden Regisseure wollte indes auf die Walpurgisnacht verzichten. Bosse hat sogar die anrüchigen „Paralipomena“ eingebunden. Thalheimer hat die Szene zwar stark gekürzt, dafür aber Gretchen auftreten lassen, um ihr Elend im Kerker zu synchronisieren. Dies war für ihn die einzige Möglichkeit, die Walpurgisnacht authentisch zu machen, ohne dabei albern zu werden. „Auerbachs Keller“ hat er gestrichen, Bosse dagegen ließ drei „Schlager“ singen, darunter ein karikiertes Kirchenlied aus der Matthäuspassion, womit er aneckte, und einen Heino-Song, bei dem das Publikum in Bierzeltlaune geriet. An der Szene „Wald und Höhle“ schieden sich die Geister der Regisseure. Bosse findet sie künstlich, Thalheimer echt: „eine der wenigen Szenen, in denen Faust über die Reflexion versucht, authentisch zu sein“.

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