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Literatur : Billy Budd: Bodo Kirchhoff und Gäste über gute Bücher

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Voll war es diesmal im Glashaus des Frankfurter Schauspiels, wo der Schriftsteller Bodo Kirchhoff mit „guten Leuten über gute Bücher“ parlierte. Viele Zuschauer wollten gewiß den scharfzüngigen Moderator Friedman wiedersehen.

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          Er kann es nicht lassen, zumal er doch selbst der geborene Moderator ist. Michel Friedman fuhr seinem Gastgeber also in die Parade, bevor dieser überhaupt Luft holen konnte. Gerade erst hatte Bodo Kirchhoff seinem Gast "die Gnade der rechtzeitigen Krise" bescheinigt, da riß dieser auch schon das Wort an sich und dachte gar nicht daran, sich moderieren zu lassen. Ja, er hatte den "Patriotismus"-Roman von Jukio Mishima gelesen, der gleich mit dem Harakiri des Helden beginne, aber für ihn sei Selbstmord keine Ultima ratio der Konfliktlösung. Schließlich habe er sein "aufklärerisches Pathos", wie Kirchhoff es formuliert hatte, so konsequent gegen sich selbst gerichtet, um das Leben wieder möglich zu machen.

          Voll war es diesmal im Glashaus des Frankfurter Schauspiels, wo der Schriftsteller Bodo Kirchhoff in seiner Talkshow fürs Fernsehen des Hessischen Rundfunks mit "guten Leuten über gute Bücher" parlierte. Viele Zuschauer wollten gewiß den scharfzüngigen Ex-Moderator Friedman wiedersehen, der sich nach seinem Kokain-Skandal aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen hatte. So hörten sie aber auch, wie die Rocksängerin Elli Erl den altbackenen Schlager "Ein Cowboy als Mann" krähte. Und konnten miterleben, wie der Schauspieler Mario Adorf eine potentielle Melville-Verfilmung besetzen würde. Der zünftige Mime jedenfalls stahl mit seinem gelassenen Auftritt dem vorlauten Medienstar die Schau.

          Dabei hatte sich Friedman sympathischerweise von Mishimas heldenmütigem General distanziert, der zwischen Kaiser und Armee, Treue und Gehorsam keinen Ausweg mehr sieht. Friedman glaubt, daß jeder Mensch in sich selber verortet sei und daher nicht in einem Wir untergehen müsse. Nur als selbstbewußtes Ich könne man sich einem Wir anschließen, fuhr er mit seiner Mishima-Kritik fort. Auch seine Frau habe während seiner Krise nicht kritiklos zu ihm gehalten. Sein Hausaltar sei die Liebe, entgegnete er Kirchhoff auf dessen Frage nach seinem höchsten Gut und nahm den Kitschverdacht des Gastgebers hin.

          Um Kriegsdisziplin geht es auch in Herman Melvilles Seefahrer-Novelle "Billy Budd", aus der Adorf eine Passage vortrug. Auch hier wird das eigene Gewissen dem Gewissen der Nation untergeordnet, denn ein Kriegsgericht darf keine Rücksicht nehmen auf das Herz des Kapitäns, das für den angeklagten Titelhelden Partei ergreift. Kein Wunder, daß sich Adorf vom Konfliktpotential der Kapitänsrolle angezogen fühlt. Selbst in jüngeren Jahren hätte er den zarten Matrosen lieber Robert Stadlober und den boshaften Waffenmeister, der Billy der Meuterei verdächtigt und von diesem dafür erschlagen wird, Tobias Moretti überlassen. Vorerst hat Adorf das Publikum mit einem großen, aber vergessenen Stück Literatur bekannt gemacht.

          Die Überraschung des Abends bot der Gastgeber selbst: Kirchhoff sang mit Elli Erl um die Wette. Und während der Rockamazone das kehlige Stimmchen versagte, sobald der "Cowboy" sie zwei Töne höher zwang, trug der Autor den Schlager "Ganz in Weiß" mit samtenem Bariton ohne Vibrato vor. Elli Erl hatte "Das Mädchen Franz" von Sabine Neumann gelesen, konnte sich aber trotz ihrer Westernstiefel nicht mit der Titelheldin zwischen den Geschlechtern identifizieren. Mutproben habe sie als Kind auch bestanden und mit Jungen gerauft, aber sich dabei doch stets als Mädchen gefühlt, wehrte sie Kirchhoffs Versuche ab, eine Seelenverwandtschaft aufzudecken, die es offensichtlich nicht gab. Der Moderator konnte sich trösten: Er hat die bessere Stimme. Allerdings kommt sie am besten zur Geltung, wenn er seine eigenen Texte vorträgt. CLAUDIA SCHÜLKE

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