https://www.faz.net/-gzg-t3mc

Liederabend : Liebe, Leere, Löcher

Mit Brecht-Liedern und Lesungen aus Houllebecqs „Ausweitung der Kampfzone“ feierte das Theater Willy Praml in der Naxos-Halle sein fünfzehnjähriges Bestehen.

          2 Min.

          Kurz nach der Brecht-Premiere hat das Theater Willy Praml in der Naxos-Halle sein fünfzehnjähriges Bestehen gefeiert: mit Grillwürsten und Rohkost, mit Liebesliedern von Brecht und Prosa von Houellebecq. Ein Dichter, der von den Theatern neuerdings ignoriert wird, weil er nicht mehr zum Zeitgeist zu passen scheint, und ein Schriftsteller, der als Kult-Autor gefeiert wird, weil er offenbar den Nerv der Zeit trifft. Wie jener in den Jahren der Inflation, der Zwischenkriegszeit, des Wiederaufbaus und des Aufbegehrens gegen die gesellschaftlichen „Verhältnisse“, die nicht „so“ sind, daß sich menschlich in ihnen leben ließe. Beide Autoren jagen vergeblich der Liebe nach: Brecht der flüchtigen, Houellebecq der abwesenden.

          Claudia Schülke

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wo die Liebe fehlt, beginnt die „Kampfzone“. Der französische Autor hat sie schon als Kind zu spüren bekommen, als seine Hippie-Mutter ihn an die Oma abgab. Heute betritt er diese Kampfzone, wo er geht und steht: Sowohl im Wirtschafts- als auch im sexuellen Liberalismus erkennt er nichts anderes als „Die Ausweitung der Kampfzone“, über die er in den Neunzigern seinen ersten, autobiographisch unterfütterten Roman schrieb. Michael Weber und Reinhold Behling rezitierten im Foyer Passagen aus der deutschen Übersetzung von Leopold Federmair, die 1999 bei Wagenbach erschienen ist. Der Verlust der Liebe gebiert Monster, die in der Psychiatrie nach Liebe schreien, oder läßt Zynismen aufblühen wie diesen: „Ein Bett hält im Durchschnitt wesentlich länger als eine Ehe.“

          Kotzorgien des Ich-Erzählers

          Das ist ein zahmes Zitat, verglichen mit den Kotzorgien, die der Ich-Erzähler veranstaltet, sobald er eine Frau sieht, die er begehrt, aber nicht lieben kann. Nicht zufällig steht der Liederabend unter dem zweideutigen Motto: „Worte und Lieder um die Liebe und das Loch, das bleibt, wenn sie nicht mehr da ist“. Was man nicht besitzen, geschweige denn lieben kann, muß man verachten, vielleicht auch töten. Aber der ebenso gefrustete Kollege des Erzählers widersteht der Anstiftung zum Mord. Zurück bleibt ein Informatiker, der mit dem Computer auf du und du steht, sich aber sonst als gefangen in sich selbst fühlt, ein Narziß, der überall Seelenverwandte entdeckt und zuletzt diagnostiziert: „Die Verbitterung ist der geistige Zustand unserer Zeit.“

          Aber vor ihm haben schon andere am Verlust der Liebe gelitten, ohne sich in Wehleidigkeit zu flüchten oder sich in pathologischen Anweisungen kompensatorisch auszuleben. Brecht war sicher kein Freund von Sentimentalitäten, und seine Liebeslieder sind oft nur Libidosongs, aber larmoyant ist nicht einmal die „Erinnerung an Marie A.“, nur poetisch in der Ernüchterung. Umringt von vielen Zuhörern, spielten Vassily Dück (Bajan) und Gregor Praml (Baß) unter der Regie von Willy Praml 15 Brecht-Lieder im Wechsel mit der vorgetragenen Prosa. Birgit Heuser, Gabriele Maria Graf, Tim Stegemann und Gregor Praml sangen Bekanntes wie den „Barbara-Song“, „Baals Lied“ und „Nanas Lied“ in Kompositionen von Brecht, Dessau, Eisler und Weill, aber auch selten Gehörtes wie „Über die Verführung von Engeln“, ein Gedicht, das Karl-Heinz Nehring vom Berliner Ensemble erst später vertont hatte.

          Weitere Themen

          Nordisch by nature

          Norwegische DJs in Frankfurt : Nordisch by nature

          Das Gastland der Buchmesse zieht so einige berühmte Künstler in die Stadt. Nun legen norwegische DJs wie Todd Terje und Prins Thomas in Frankfurt auf. Und sorgen für schräge Partys.

          Topmeldungen

          Donald Trump, Präsident der Vereinigten Staaten, spricht bei einer Wahlkampfkundgebung im Lake Charles Civic Center.

          Amerika : Vereinzelte Republikaner wenden sich gegen Trump

          Einzelne Republikaner erwägen, ein Amtsenthebungsverfahren gegen Donald Trump zu unterstützen. Die Mehrheit steht nach wie vor hinter ihrem Präsidenten und will das auch mit einer offiziellen Abstimmung bestätigen.
          Der britische Premierminister Boris Johnson steht beim EU-Gipfel in Brüssel im Zentrum.

          Europäische Union : Britisches Parlament stimmt über Brexit-Vertrag ab

          Stimmt das britische Unterhaus heute für den Vertrag, den Premierminister Boris Johnson mit der EU ausgehandelt hat, wird Großbritannien am 31. Oktober aus der Europäischen Union austreten. EU-Kommissar Günther Oettinger schließt weitere Verhandlungen aus, sollte es nicht zu einer Einigung kommen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.