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Lieblingsbilder : Wer die Welt vermißt, wird melancholisch

Jan Vermeer van Delft, Der Geograph, 1669 Bild: Artothek

Johannes Vermeer van Delft gilt als Meister der intimen Interieurs, als Künstler, der die niederländische Genre-Malerei zu einem einsamen Höhepunkt geführt hat. Sein Gemälde „Der Geograph“ ist im Frankfurter Städel zu sehen.

          Zur Zeit Vermeers versprach die Geometrie einen sicheren Erkenntnisfortschritt - nicht als Wissenschaft mit bestimmten Inhalten, sondern als wissenschaftliche Methode. Die Welt zu vermessen bedeutete nicht nur, ein Koordinatennetz über die Erscheinungen zu legen, sondern auch das zu erfassen, was hinter ihnen existiert und ihrem Dasein zugrunde liegt. Es gibt Interpreten, die in dem Gelehrten auf Vermeers wohl 1668/69 entstandenen Gemälde „Der Geograph“ den Philosophen Spinoza sehen.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Dessen Hauptwerk „Ethica ordine geometrico demonstrata“ spricht von Gott wie von den menschlichen Affekten in Axiomen, Lehrsätzen, Beweisführungen. Spinoza kam im selben Jahr wie der Delfter Maler zur Welt. Andere halten das Werk für ein Porträt des ebenfalls 1632 geborenen Physikers van Leeuwenhoeck, der mit Vermeer befreundet war. Das Bild hatte nicht immer den heutigen Titel. Ob man in dem Dargestellten freilich einen Mathematiker, Astrologen, Astronomen oder Philosophen erkennt - er arbeitet, wie die Attribute unschwer beweisen, nach geometrischer Methode.

          Pendant im Louvre

          Der Gelehrte auf dem Bild im Städel hält einen Stechzirkel in der Hand, auf einem Hocker rechts im Bild liegt ein Winkelmaß: Diese und andere Attribute, vor allem der Globus auf dem Schrank und die Seekarte an der Wand, verweisen auf die Profession des Dargestellten. Die linke Hand ruht auf einem geschlossenen Buch, der Mann ist über ein Pergament gebeugt, scheint sich aber gerade dem Fenster zuzuwenden. Sonnenlicht fällt auf den Tisch und überzieht alles mit einem eigentümlichen Glanz.

          Das Frankfurter Werk hat in dem „Astronomen“ aus dem Pariser Louvre ein Pendant. Die Szenen ähneln sich bis in die Details hinein, hier wie dort dieselbe Lichtführung, dasselbe bleiverglaste Fenster. Beide Male bildet ein schwerer, faltenreicher Teppich auf dem Tisch den Vordergrund, findet sich ein Schrank mit Büchern obenauf. Vor allem aber gleichen sich die Dargestellten mit ihrem langen Haar und ihren dicken Mänteln.

          Typische Unschärfe der Gemälde

          Johannes Vermeer van Delft gilt als Meister der intimen Interieurs, als Maler der stillen, gleichsam der Zeit enthobenen Szenen, als Künstler, der die niederländische Genre-Malerei zu einem einsamen Höhepunkt geführt hat: Fast ausschließlich hat er Menschen gemalt, die in häuslicher Umgebung kontemplativen Tätigkeiten nachgehen. Die für seine Malweise typische Unschärfe verleiht seinen Arbeiten träumerischen, unwirklichen Charakter, ebenso wirken die auf Reproduktionen nicht erkennbaren Glanzlichter und Beleuchtungseffekte. Diese aber, zusammen mit perspektivischer Finesse und penibler Sachtreue, sind zugleich für den außerordentlichen Realismus verantwortlich, der Vermeers Gemälde auszeichnet. Nach Meinung mancher Fachleute hat sich der Künstler optischer Hilfsmittel bedient, vor allem der Camera obscura.

          Die versonnene Miene des Gelehrten, sein unbestimmter Blick erinnern ebenso wie manche Utensilien an das Thema der Melancholie: Ihr sind einer alten, in der Renaissance wiederbelebten Tradition zufolge in besonderem Maß jene unterworfen, die sich mit der Erforschung der Seinsgründe beschäftigen. Der Philosoph hat den Zirkel als symbolische Beigabe, weil er das geistige Ausmessen des Kosmos verbildlicht. Das Licht der Vernunft wirft Schatten auf die Seele: Der Frankfurter „Geograph“ erstellt nicht nur Karten, er arbeitet an einem Bild von der Welt, das ihn vom Leben trennt und das doch nie vollständig sein kann. Daher die Schwermut.

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