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Lieblingsbilder : Ein Traum von Liebe

Carl Spitzweg (1808 bis 1885), „Der Witwer”, 1844 Bild: Artothek

Carl Spitzweg ertappt seine Hauptfigur bei einem schwachen Moment: Das Städel-Bild „Der Witwer“ lebt von der Spannung zwischen den Verhaltensregeln der Biedermeier-Epoche und den allzumenschlichen Gefühlen des Individuums.

          Dieser Mann bleibt einem kein Rätsel. Was in ihm vorgeht, ist offensichtlich. Die Accessoires und die Körperhaltung bringen in aller Deutlichkeit zum Ausdruck, dass in ihm eine Sehnsucht aufkeimt, die kaum eine Chance hat, je gestillt zu werden. Der korpulente Bürger, der sich auf einer steinernen Gartenbank niedergelassen hat, schaut zwei jungen Frauen hinterher.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Er, der Witwer, ist schwarz gekleidet, die Damen stecken in Kleidern mit frischen, jugendlichen Farben. In der einen Hand hält der vereinsamte Parkbesucher ein großes Medaillon mit dem Porträt seiner verstorbenen Gattin, in der anderen ein nicht minder auffälliges Schnupftuch: Zeichen seines Schmerzes. Er stellt ihn freilich gleichsam zur Schau, was darauf hindeutet, dass er sich seiner Situation immer wieder einmal vergewissern muss. Zwar weiß er, was sich ziemt - nämlich im Gedenken an seine vergangene Ehe zu trauern.

          Sieg über die Konvention

          Aber die Frühlingsgefühle, die er augenscheinlich hegt, drohen den Verlust vergessen zu machen. So hält er mit übertriebener Geste an den Insignien seines Leids fest, das sich doch in jenem Augenblick, den der Maler festgehalten hat, schon in ein ziemlich konkretes Begehren verwandelt hat. Öffentlich zuzugestehen, sich nach einer neuen Liebe zu sehnen, wäre wohl ganz und gar unschicklich gewesen. Aber der Maler ertappt seine Hauptfigur bei einem schwachen Moment.

          Die Psychologie siegt über die Konventionen. Carl Spitzweg setzt den Unterschied zwischen Sein und Sollen ins Bild. Nur auf den ersten Blick zeugt es von der Behaglichkeit einer spätromantischen Zeit, die auf seinen kleinformatigen Werken immerzu von einer milden Abendsonne durchglüht scheint. Tatsächlich aber lebt das Städel-Bild „Der Witwer“ von der ironisch aufgefassten Spannung zwischen den Verhaltensregeln der Biedermeier-Epoche und den mit ihnen nicht zu vereinbarenden menschlich-allzumenschlichen Gefühlen des Individuums (siehe auch: Homepage des Städel Museums).

          Skurriles im Alltäglichen

          Gewiss hat der Maler nicht den bösen Blick, wenn er auf seine Zeitgenossen schaut: Er stellt sie nicht bloß, er denunziert sie nicht. Aber er präpariert das Humoristische und Skurrile an alltäglichen Episoden und den in ihrer kleinbürgerlichen Welt befangenen oder aber von ihr wegstrebenden Charakteren heraus. Die Vergeblichkeit ihrer Hoffnungen teilen der arme Poet und der zwischen üppigem Grün sitzende Witwer.

          Sie sind komische Figuren in den Nischen eines großen Welttheaters, das über die Giebel-, Gauben- und Laubengemütlichkeit von Spitzwegs Szenarien längst hinweggegangen ist. Dennoch rückt der Künstler die burlesken Gestalten ins Licht. Und mit ihnen eine Gegenwelt zur schon real existierenden Moderne. So wirkt es, als sei ein Scheinwerfer auf den Witwer gerichtet. Den Damen nachschauen, mehr ist nicht drin: Auch ein Kleinbürger hat das Recht auf Melancholie. Und auf ein Quentchen Tragik.

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