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Lieblingsbilder : Die Fratze des Bösen

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Hieronymus Bosch, um 1450 bis 1516, Ecce homo Bild: Artothek

Hieronymus Bosch malt lauter Charakterköpfe. Und despotische Gesichter. Wie bei diesem Maler üblich spielt das menschliche Antlitz auch auf dem Bild „Ecce homo“ oft ins Fratzenhafte.

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          Der römische Statthalter wäscht, wie aus der Bibel bekannt ist, seine Hände in Unschuld. Er sieht eigentlich keinen Grund, den Mann zu verurteilen. Aber er führt ihn der Menge vor, weil er keinen Ärger mit den Einheimischen riskieren will. Eine Zurschaustellung. Die Auslieferung eines von Schmerzen gebeugten Menschen an seine Mitbürger, die kein Erbarmen kennen.

          Pontius Pilatus ist der Regisseur einer Szene, zu der er selbst das Stichwort liefert: „Ecce homo“, sagt er laut der lateinischen Fassung des Neuen Testaments, der sogenannten Vulgata. Luther übersetzte: „Sehet, welch ein Mensch!“ Was ganz verschieden klingt von einer anderen möglichen Übertragung: „Hier habt ihr den Mann!“

          Das Böse äußert sich

          Schon diese Übersetzungsschwierigkeiten deuten darauf hin: Der Römer verhält sich nicht unbedingt eindeutig. Mitleid mischt sich mit politischem Kalkül. Die Leute in Jerusalem jedenfalls fordern lautstark, den Gegeißelten und mit einer Dornenkrone Verspotteten zu kreuzigen. Davon distanzieren sich die nur schemenhaft linker Hand vor dem Mauerwerk zu erkennenden Stifter mitsamt ihrer Sippe. Der Künstler hat ihnen wie auch den anderen Figuren ein goldenes Spruchband beigegeben. Darauf steht: „Rette uns, Christus, Erlöser.“

          Hieronymus Bosch malt lauter Charakterköpfe. Und despotische Gesichter. Wie bei diesem Maler üblich, der mit seinen Verrätselungen und geheimnisvollen Symbolen die Betrachter ebenso irritiert wie fasziniert, spielt das menschliche Antlitz auch auf diesem Bild oft ins Fratzenhafte. Das Böse äußert sich, entäußert sich als Hässliches. Man hat in den orientalischen Gewändern und dem Halbmondbanner, das im Hintergrund zu erkennen ist, eine Anspielung auf die Türken und ihre Unerbittlichkeit im Umgang mit den Feinden gesehen.

          Dass sich die Episode in einem niederländischen Städtchen abspielt, wie das Ambiente nahelegt, tut dem Exotismus in der Darstellung der Personen keinen Abbruch. Gewiss aber steht bei dieser „Ecce homo“- Darstellung die Kluft zwischen dem Leiden eines Einzelnen und der Hartherzigkeit der Vielen so deutlich im Vordergrund, dass die Ausstattung der Personen und die Architektur keine allzu große Rolle spielen.

          Eine Auswahl von 40 Gemälden in acht Kategorien aus dem Städel-Museum Frankfurt: Im Internet finden Sie unter Homepage des Städel Museums mehr Informationen und ein Diskussionsforum zu den vorgestellten Werken. Und Sie können sich dort für Ihre Favoriten einsetzen.

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