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Lieblingsbilder : Der Maler des grotesken Alltags

Adriaen Brouwer (1605/1606 bis 1638), Der bittere Trank Bild: Artothek

Der flämische Künstler Adriaen Brouwer wurde wegen seiner realistischen Wiedergabe von Bauern gelobt, dabei suchte er zumeist das Groteske im Gewöhnlichen, wie auf dem Städel-Gemälde „Der bittere Trank“ zu sehen ist.

          Szenen aus dem Leben des frühen 17. Jahrhunderts: Adriaen Brouwer hat ausschließlich Genre-Bilder gemalt, mithin Darstellungen aus dem Alltag der gewöhnlichen Menschen, viele Wirtshausszenen etwa, Raufereien, Trinkgelage, aber auch Operationen, sei es am Rücken, sei es am Fuß. Der flämische Künstler wurde wegen seiner realistischen Wiedergabe von Bauern und anderen einfachen Leuten gelobt, dabei sucht er freilich zumeist das Groteske im Gewöhnlichen, das Derb-Komische in den profanen Verrichtungen, den Moment höchster Erregung oder tiefster Dumpfheit.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          So stellt er nicht nur Menschen, sondern gleichsam auch Gefühle dar, Affekte, plötzlich wechselnde Gemütszustände. Der Mensch wird überrumpelt, von dem, was ihm widerfährt, er reagiert heftig auf Umwelteinflüsse, er wird zur reinen Emotion. Brouwer ist ein großer Beobachter. Er schaut der von keiner Vernunft und keiner Konvention gezügelten Psyche und ihren deutlichen Spuren im Antlitz sowie in den Verrenkungen der Gliedmaßen zu.

          Ungezügelte Empfindungen

          Augenblicke wie jener, in dem sich das Gesicht des ungehobelten jungen Mannes, der unrasiert und mit wirrem Haar ins Bild gesetzt wird, aufs äußerste verzerrt, interessieren den Maler, nichts liegt ihm am ruhigen Gang des bürgerlichen Daseins, das womöglich die Menschen daran hindert, ihren Empfindungen in so ungezügelter Weise Ausdruck zu verleihen wie der Bauer auf dem Städel-Gemälde. Der Titel des Bildes klärt auf, in welcher Lage sich der Abgebildete befindet: „Der bittere Trank“ heißt das Ölbild des 1605 oder 1606 geborenen, 1638 an der Pest gestorbenen Malers.

          Der Mann in bäuerlicher Kleidung hält die Medizinflasche in der einen, die Arzneischale in der anderen Hand, vielleicht hat er gerade ein Pulver aufgelöst und die Flüssigkeit hinuntergeschluckt. In jenen Zeiten war es wohl nicht üblich, die Medizin mit zugesetzten Aromen genießbarer zu machen, das Gift heilt das Giftige, so die allgemeine volksmedizinische Meinung, und das Gift mußte auch bitter genug schmecken, damit es seine Wirkung entfalten konnte. Dem Bauern mit der schmutzigen Joppe und der zerbeulten Kappe gefällt die Roßkur allerdings gar nicht. Mit kräftigem Pinselstrich gibt der Maler dem Mann Kontur, dem deftigen Thema und der grobschlächtigen Gestalt entspricht ein kräftiger, wenn nicht ruppiger Farbauftrag. Empfindet der Betrachter Mitleid? Oder ergötzt er sich eher an den entgleisten Gesichtszügen?

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