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„Leonce und Lena“ in Darmstadt : Gefangen im Gummimonster

  • -Aktualisiert am

In der Hüpfburg: Prinz Leonce (Béla Milan Uhrlau) und Prinzessin Lena (Anabel Möbius) in Darmstadt Bild: Robert Schittko

Julia Prechsl inszeniert „Leonce und Lena“ am Staatstheater Darmstadt. Herausgekommen ist ein Stück zwischen Düsternis und Spaß.

          2 Min.

          Eine Hüpfburg ist an sich ein freudebringendes Spielgerät. Für gewöhnlich sieht man auf Kindergeburtstagen und Straßenfesten eine fröhliche Kinderschar darauf herumspringen. In Julia Prechsls „Leonce und Lena“ erfährt die Burg eine radikale Umdeutung: Das schwarze Gummiding ist ein Gefängnis, aus dem es kein Entkommen gibt. Knapp zwei pausenlose Stunden dauert die düstere Inszenierung, die von Anfang bis zum Ende von der sich vor den Augen des Publikums aufblähenden Hüpfburg dominiert wird (Bühne Valentin Baumeister).

          Durch Drehen der Bühne entstehen zwar immer neue Perspektiven auf Tore, Türme und den welligen Innenraum, doch die höchst akrobatisch agierenden Schauspieler rennen gegen die widerstandsfähigen Gummiwände und werden immer wieder zurückgeworfen, auf dem wackligen Boden sind kaum sichere Schritte möglich, jeder Gang ist ein Balanceakt, es gibt keinen Halt. So wird das scheinbar so quirlige Treiben zur unübersehbaren Metapher: Aus der Welt, wie sie nun einmal ist, kann man sich vielleicht herausträumen, die Körper aber sind an sie gebunden. Egal, ob dies die beengte Welt der deutschen Zwergstaaten im Biedermeier ist oder die angeblich allen offen stehende im globalen Dorf der Gegenwart.

          Klassischer Generationenkonflikt

          Julia Prechsl siedelt ihre Inszenierung in einem historischen Niemandsland an, die Kostüme (Birgit Leitzinger) spielen mit Zitaten aus verschiedenen Epochen, doch einige Hinweise im Programmheft deuten an, dass es hier um die unpolitische Generation der „Millennials“ gehen soll, zu der auch die 1992 geborene Regisseurin zählt. Im Kern dreht sich alles um den klassischen Generationenkonflikt, denn die Jungen sehen nicht ein, weshalb sie das Erbe hier antreten sollen. Die sorglose Langeweile, mit der die beiden im unhinterfragten Wohlstand geborenen Königskinder Leonce und Lena ihr Verhältnis zur Welt beschreiben, bleibt allerdings in der Inszenierung ohne Gegenbild. Es gibt keine Welt außerhalb der Gummiwände, nur ab und zu pochen die Schauspieler auf den Boden und ahnen, dass dort alles hohl ist und ihre Welt brüchig. Dass sie Verwandte des zur gleichen Zeit entstandenen „Woyzeck“ sind, ist unübersehbar.

          Mit Béla Milan Uhrlau und Anabel Möbius als Prinz Leonce und Prinzessin Lena hat die Inszenierung ein sympathisches junges Paar als Mittelpunkt, das sich durch seine ruhige und bei aller Träumerei verständige Art des Sprechens angenehm von den restlichen Knallchargen abhebt. Vor allem König Peter (Thorsten Loeb) mit seinen beiden Hofbeamten (Karin Klein, Stefan Schuster) macht aus dem Hofstaat ein Irrenhaus, die Parodie arbeitet hier mit dem Holzhammer.

          Spaßbehauptung des Lustspiels

          Auch Valerio (Victor Tahal) und Lenas Gouvernante (Nicola Lembach) müssen häufig überdrehen, um die Spaßbehauptung des Lustspiels halbwegs einzulösen. Doch da Büchners romantisches Märchenspiel als Komödie nicht wirklich taugt und Prechsls Inszenierung nicht nur gegen den Text, sondern auch gegen das wuchtig-düstere Bühnenbild ankämpfen muss, gerät das Komödiantische streckenweise arg forciert.

          Doch kommt der Spaß ohnehin an sein absehbares Ende. Wenn endlich die neue Zeit kommt, kann die Kindertraumburg nicht überleben. Am Ende wachsen die zwei fatalistischen Wohlstandsgören über sich hinaus und ziehen den Stecker der Druckluftpumpe. Das feine Summen des Motors verstummt, das schwarze Gummimonster fällt in sich zusammen. Drinnen hört man die Vertreter der alten Welt panisch kreischen. So beginnt in der Komödie die Revolution.

          Nächste Vorstellung am 8. November um 19.30 Uhr im Kleinen Haus des Staatstheaters Darmstadt

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