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Landesmuseum Darmstadt : Filigrane Schönheiten

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Blättchenwerk: Fred Dunn & Co, Gürtelschließe, Silber, teilweise vergoldet, Korallen; um 1903/04. Bild: Wolfgang Fuhrmannek/HLMD

„Alltagstauglich“: Das Landesmuseum Darmstadt zeigt Schmuck aus der Sammlung Ratz-Coradazzi. Der Schmuck aus dem 20. Jahrhundert ist auch heute noch gefragt.

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          Das Blättchenmotiv war der Renner: Anfang des 20. Jahrhunderts gab es offenbar kaum einen deutschen Schmuckgestalter, der nicht die kleinen, dicht auf dicht an geschwungenen Ranken sitzenden Herzformen im Repertoire hatte. Moderne Zeiten und die mit ihr einsetzende Serienherstellung machten es möglich, dass sich die um 1905 datierende Idee, die dem österreichischen Jugendstil-Protagonisten Koloman Moser zugeschrieben wird, schnell auch anderswo verbreitete und Nachahmer fand. So entwarf der Wiener Leopold Drexler 1909 einen Anhänger, auf dem die Blättchen einen ovalen Mondstein umschließen. Der Münchner Ferdinand Hauser wiederum kombinierte das Motiv 1916 mit Elfenbein und einer Lapislazuli-Traube, während die Pforzheimer Firma Herbstrieth es im Ensemble mit Blüten und einem grünen Stein produzierte.

          Eine Ausstellung im Landesmuseum Darmstadt mit Schmuck aus der Zeit von 1900 bis 1930 macht derzeit unter anderem diese gattungsgeschichtliche Facette des Jugendstils anschaulich. „Alltagstauglich“ heißt die Schau, für die Kurator Wolfgang Glüber freilich nicht auf den Bestand des eigenen Hauses zurückgreift. Die reiche Jugendstil-Sammlung, über die man dort verfügt, gibt dem ganzheitlichen Geist der internationalen Bewegung zwar auch mit Schmuckstücken Gestalt. Dabei handelt es sich jedoch vorwiegend um Pretiosen aus Gold und Juwelen, die die Dame von Stand damals vor allem am Abend aus der Schatulle holte. Bei den insgesamt etwa 450 ausgestellten Exponaten handelt es sich dagegen um Tagesschmuck, der auch für Bürger erschwinglich war. Sie stammen aus der gut 3000 Positionen umfassenden Kollektion von Astrid Ratz-Coradazzi, die ihren ersten Erwerb vom eigenen Taschengeld bezahlen konnte: Der Kettenschieber, den sie als Siebenjährige auf einem Flohmarkt entdeckt hatte, kostete damals vier Mark.

          Dazu, dass der große Museumssaal vorübergehend anmutet wie ein Juweliergeschäft, tragen in Darmstadt nicht zuletzt sammlungseigene Stühle bei, auf denen man allerdings nur imaginär Platz nehmen darf. Auch werfen die Fugen der zu niedrigen Vitrinen leider störende Schatten auf die pyramidenförmigen und mit blauem Stoff bespannten Schmuck-Displays. Bei Broschen, Anhängern, Gürtelschnallen, teilweise bemerkenswert großen Hutnadeln und all den anderen dekorativen, in – wiewohl oft nur kleinen – Serien produzierten Schönheiten handelt es sich oft um Raritäten. Denn gerade weil sie weniger kostbar waren, bewahrte man sie nicht immer so sorgfältig auf wie edlere Stücke. Umso gefragter sind sie heute. Dass für Schmuck nicht nur Gold und Edelsteine verarbeitet wurden, machte es den Menschen leichter, sich auf den neuen Stil einzulassen: Im Fall, dass die ornamentale Schwelgerei und die Allegorie-Verliebtheit bald wieder aus der Mode gekommen wären, wäre die Fehlinvestition nicht so hoch gewesen

          „Gold gab ich für Eisen“

          Tatsächlich war es in den Nullerjahren des 20. Jahrhunderts mit dem Jugendstil schon wieder so gut wie vorbei. Die Ausstellung dehnt den Begriff jedoch bis über das Ende des Ersten Weltkriegs hinaus, als sich Ecken und Kanten in das Formenvokabular mischten und damit wohl auch auf kubistische und expressionistische Tendenzen in der bildenden Kunst reagierten. Auch gab es so etwas wie Kriegsschmuck. Die Trägerinnen eines ornamental gefassten Eisernen Kreuzes, einer in Anlehnung an das Kriegsmotto „Gold gab ich für Eisen“ gefertigten Brosche aus Silber und patiniertem Eisen oder eines Granatsplitters in silbernem Eichenlaub gaben sich damit als Patriotinnen respektive als Frau eines Überlebenden zu erkennen.

          Unterdessen macht der thematisch gegliederte Rundgang deutlich, dass der Jugendstil eine europäische und ästhetisch keineswegs einheitliche Bewegung war. Der größte Teil der Ausstellungsstücke stammt freilich aus den deutschen Schmuckzentren, allen voran Pforzheim, wo in seinerzeit 1000 Firmen 30.000 Mitarbeiter beschäftigt waren und die ganze Welt auch mit Koloman Mosers Blättchen belieferten.

          „Alltagstauglich“

          Die Ausstellung „Alltagstauglich“ ist bis 11. August im Landesmuseum Darmstadt zu sehen. Öffnungszeiten: Di, Do, Fr 10 bis 18 Uhr, Mi 10 bis 20 Uhr, Sa, So 11 bis 17 Uhr

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