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„Ladies Night“ in Bad Vilbel : Erst genant, dann flamboyant

Aufs Ganze: Gavin (Theodor Reichardt, links) und Barry (Raphael Köb, rechts) sind bereit, sich freizumachen. Bild: Eugen Sommer

Corona ist für einen Moment vergessen: Die reduzierten Burgfestspiele in Bad Vilbel zeigen eine verschlankte Version des stürmisch gefeierten Komödien-Hits „Ladies Night – Ganz oder gar nicht“.

          3 Min.

          Welch Idylle, still und pur: Die Vögel schweigen, denn sie sind in der Mauser, eine Entenmutter reckt den Hals wachsam über ihre grasenden Küken vor dem Delphinbrunnen, zwei Nilganseltern patrouillieren um ihre halbwüchsigen Sprösslinge neben dem Wassergraben, in dem eine Nutria ihre Bahn zieht. So arkadisch kennt man Bad Vilbel, wenn die Fanfare zu den jährlichen Burgfestspielen ruft. Nur: In Corona-Zeiten machen sich die Menschen rar. Schon um 18.30 Uhr ist Einlass, damit sich die 206 zugelassenen Zuschauer nicht an den Zugängen stauen. Wer sich auf dem Festspielgelände bewegt, ist zum Mund-Nasen-Schutz verpflichtet. Nur auf ihren Plätzen und an den Gastronomie-Tischen dürfen die Besucher ihn abnehmen. Die Folge: neun Leute ohne Maske auf den Bierbänken vor der Burg.

          Claudia Schülke

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Auch um 20 Uhr gibt es keinen Stau am Eingang, obwohl die Premiere ausverkauft ist. Also hinein zur Reihe 2, Platz 25, einer Zweier-Stuhlgruppe. Bange Frage: Wer wird neben einem sitzen, mit oder ohne Maske? Niemand, wie sich herausstellt. Dreimal erschallt die Fanfare, dann springen drei Männer über die Bühne, ein vierter mit blutiger Nase hinterher. Nur vier statt sechs wie vor 13 Jahren, als die Burgfestspiele schon einmal „Ladies Night“ mit großem Erfolg präsentierten, nur eine Frau statt zwei, wie es die Männerstrip-Komödie der neuseeländischen Autoren Stephen Sinclair und Anthony McCarten vorsieht. Drei Rollen sind also Opfer der Abstandsregeln geworden. Aber dem Regisseur Christian H. Voss ist es gelungen, auch mit dieser Minibesetzung und in kürzester Zeit einen Premierenabend als Rauscherlebnis zu stemmen.

          Gavin, Barry, Norman und Craig sind arbeitslos. Als Gavin in der Zeitung die Strippergruppe „Chippendales“ als Großverdiener entdeckt, kommt er auf eine Idee: Warum nicht auch wir? Dabei vergisst er, dass Waschbrettbäuche ab 40 nur noch auf der Roten Liste erotischer Zonen zu finden sind. Craig, der älteste und rundeste in der Runde, will denn auch lieber den Impresario geben, anstatt die Hüllen fallen zu lassen. Dafür kennt er die Nachtclub-Pächterin Bernie, die den neugeborenen „Fantastic Four“ eine Bühne bietet. Von ihr lernen sie auch: „Frauen wollen keine Schwänze sehen.“ Das bestätigt Gavins Murmeln von der „Mystik des Schwanzes“. Schließlich bedeutet der griechische Begriff aus der antiken Esoterik so viel wie „verborgen“. Nur dass damals der „verborgene Gott“ gemeint war.

          Enge Kostüme spannen sich über den Gemächten

          Nun also gilt es, den verborgenen Gott des Mannes mit Hüftstößen und Lendenkreiseln erahnbar zu machen, das Geheimnis jedweder Erotik. Priapus ante portas. Die engen Kostüme von Monika Seidl spannen sich über den Gemächten, im Publikum beginnen die ersten Nymphen zu kreischen. Die phallische Stimmung schwillt an. Hat da eben der Esel des Silen gebrüllt? Corona ist vergessen, Voss und seine Truppe schlagen alle in Bann. Dionysos triumphiert, obwohl der zuvor stotternde Norman (Lukas Schwedeck) wie ein junger, apollinischer Ephebe über die Bühne schwebt, angefeuert von den Mänaden unter den Zuschauerinnen, die sogar ihre Sektgläser mitnehmen durften. Die soziale Relevanz der Komödie war schon vor 13 Jahren zugunsten des Spektakels gekappt worden, diesmal geht sie vollends unter in der musikalischen Pop-Devise „Born to be alive“ der Vilbeler Saturnalien.

          Ist das schlimm? Nein. Schließlich hat Bürgermeister Thomas Stöhr schon vor der Premiere dieser ersten von zwei reduzierten Corona-Produktionen „aus großer Freude und Überzeugung“ von diesen „außergewöhnlichen“ Burgfestspielen unter „außergewöhnlichen Rahmenbedingungen“ mit einem „außergewöhnlichen Team“ gesprochen und Bad Vilbel als „Kulturstadt“ gepriesen. Sein Kulturreferent und Festspiel-Intendant Claus-Günther Kunzmann gab sich weniger emphatisch als vielmehr erleichtert darüber, „dass wir Publikum im Burghof haben“, und forderte dieses zu einem Vorab-Applaus für die Herkules-Leistung seines Teams auf. Vor allem aber der Enthusiasmus der Zuschauer heizt den lauen Sommerabend an, als die frustrierten und zerstrittenen „Four“ sich buchstäblich zusammenraufen und eine fulminante Show in der Choreographie von Kerstin Ried hinlegen, die man ihnen gar nicht mehr zugetraut hat.

          Der Dank gilt der einzigen Dame im Ensemble: Bernie hat sich nämlich als Domina in knallrotem Outfit entpuppt. Sonja Herrmann treibt den gschamigen Männern die larmoyanten Flausen aus und jagt sie auf den Bühnenkubus auf der Rollbühne – frei nach dem Motto: Dreimal gedreht, Zeit vergeht. Wie die vier es schaffen, innerhalb einer Woche zu dezenten Strippern und leuchtenden Stars zu werden, bleibt ein Hinterbühnen-Geheimnis. Mystik und Mysterium hängen etymologisch zusammen. Darüber hinaus gelingt es Raphael Köb, den verletzbaren, weil von seiner Frau verlassenen Mann hinter Barrys Teufelsmaske zu zeigen. Theodor Reichardt scheitert als intellektueller Snob Gavin und gewinnt mit Slip und zölibatärem Collar. Volker Weidlichs Craig schwingt als Arbeiter im Blaumann einen gigantischen Hammer wie Thor. Und das Publikum schwelgt mit Oldies wie „Holding Out For A Hero“.

          Weitere Vorstellungen vom 3. bis einschließlich 8. August jeweils von 20.15 Uhr an, am 9. August von 18.15 Uhr an und am 10. August wieder von 20.15 Uhr an. Die nächste Staffel von acht Vorstellungen beginnt am 16. August um 18.15 Uhr. Letzte Vorstellung am 7. September von 20.15 Uhr an. Infos und Tickets unter der Rufnummer 061 01/55 94 55.

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