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„La Giuditta“ : Du brauchst dir kein Bild zu machen

  • -Aktualisiert am

Zurückübersetzt in die Oper: Brenda Rae in der Titelrolle und Julian Prégardien als Holofernes in „La Giuditta” Bild: Copyright: Wolfgang Runkel

Zum ersten Mal szenisch aufgeführt: „La Giuditta“ von Francisco de Almeida im Bockenheimer Depot.

          Im achtzehnten Jahrhundert beförderte das Opernverbot in der Heiligen Stadt die Produktion von Oratorien. Diese hatten mit ihrer oft ausgeprägten Affektbetontheit auch die Aufgabe, den Hunger des Publikums nach Dramatik zu befriedigen. Es liegt daher der Schluss nahe, in ihnen verkappte Opern zu sehen, welche nur darauf warten, auf die Bühne gehoben zu werden, auf dass sie ihren immanenten Mehrwert entbinden können. Guillaume Bernardi hat dafür jetzt als Produktion der Oper Frankfurt im Bockenheimer Depot die szenische Erstaufführung des im Jahr 1726 erstmals vorgestellten Oratoriums „La Giuditta“ von Francisco António de Almeida unternommen. Diese Metamorphose unterstreicht er eingangs mit einer suggestiven Metapher: Die Darsteller erscheinen im anonymisierenden Kapuzinerhabit, um sich aus diesem jeweils in die Individualität ihrer Rollen zu entfalten.

          Die Musik soll bei alledem präsent bleiben: Ein das verkleinerte Opern- und Museumsorchester fassender Drahtkäfig ist Teil des Bühnenbildes von Dirk Becker und somit visuell immer gegenwärtig. Das besondere Augenmerk gilt aber natürlich der Bühne, denn aus Sicht der Regie beugte sich der Komponist nur „vordergründig dem päpstlichen Willen. Jedoch wurde unter dem Deckmantel religiöser Textbücher in ähnlichem Stile wie für das Theater komponiert.“

          Präpotenz der Bilder

          Was Mehrwert-Steuermann Bernardi durch die szenische Aktion an Erkenntnisgewinn verbuchen könnte, wird nicht ersichtlich. Im Gegenteil: Die inhaltlichen Schleifen eines Oratoriums und die weitgehende Absenz eigentlicher Dialoge wirken im Kontext einer derart erzwungenen Bühnenhandlung unfreiwillig komisch. Zudem beschränkt die Präpotenz der Bilder potentiell die Vielfalt der durch die Musik transportierten Aussagen. So triftig also die Deutung des Genres Oratorium als Ersatzdroge für die vom Publikum eigentlich gewünschte Oper auch ist: Die damaligen Komponisten haben sich zu sehr auf das gewünschte Format eingelassen, um eine einfache Rückübersetzung zuzulassen. Die geschmackvolle Bebilderung der langen Gesangsmonologe gebiert keine Handlung.

          Wer sich damit abfindet, kann sich im Bockenheimer Depot auf hohem Niveau dem Genuss der instrumentalen und vokalen Leistungen hingeben. Almeida bewegt sich in „La Giuditta“ kompositorisch auf Augenhöhe mit den namhaften Kollegen seiner Zeit, wobei das Orchester unter der Leitung von Felipe Venanzoni die emotionalen Gehalte der Harmonik verbindlich zu modellieren weiß. Empfindliche Trübungen ergeben sich aus den wiederholten Fahrlässigkeiten der Hörner, leichte durch Synchronisationsschwächen in der Einleitung.

          Bewegliche Harmonik und biegsame Melodik

          Den Hauptmann Achior gestaltet die stimmlich erfrischend klar fokussierende Christiane Karg. Der Countertenor Matthias Rexroth gibt den Ozias, Befehlshaber des belagerten Betulia, als frömmelnden katholischen Kleriker. Seinen Gegenspieler Holofernes spielt Julian Prégardien mit einem ordentlichen Schuss Aggressivität. Nur der schönen Giuditta nähert er sich weicher gestimmt und ohne Panzer, was ihn den Kopf kostet. Die Verstellungs- und Verführungskunst der Titelheldin, durch bewegliche Harmonik und biegsame Melodik musikalisch abgesichert, unterstreicht in Frankfurt die in jeder Hinsicht wandlungsfähige Brenda Rae auch durch vielfachen Kostümwechsel.

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