https://www.faz.net/-gzg-a2zdh

Stadtgoldschmiedin von Hanau : Salzstreuer aus dem 3D-Drucker

Mit Haltung: Isabelle Enders ist für zwei Jahre Stadtgoldschmiedin in Hanau. Bild: Matthias Böhler

Die Silberschmiedin Isabelle Enders ist neue Stadtgoldschmiedin in Hanau. Salz- und Pfefferstreuer macht sie mit elektronischer Hilfe besonders gerne – auch wenn die auf den ersten Blick weniger als solche zu erkennen sind.

          3 Min.

          Wenn Isabelle Enders ihr Frühstücksei mit Pfeffer würzen will, kann es spannend werden. Jedenfalls dann, wenn sie dafür einen der von ihr kreierten Pfefferstreuer mit dem zur Form im Kontrast stehenden Namen „Kolibri“ benutzt. Die 80 bis 120 Zentimeter langen Streuer aus lackiertem Messing verlangen dem Nutzer einiges an Zielgenauigkeit ab, aber es ist mit einiger Übung auch nicht allzu schwer, einen Treffer zu landen. Das ist auch deshalb wichtig, weil die Pfefferspender alle Anforderungen an eine Gastronomiemühle erfüllen. Auf jeden Fall fördern die gebrauchsfähigen Kunstwerke die Kommunikation am Tisch ungemein, findet Enders.

          Luise Glaser-Lotz

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.

          Für ihre ausgefallenen Schöpfungen erhielt die freischaffende Künstlerin aus Nürnberg unter anderem den Bayerischen Staatspreis. Ihre Auszeichnungen wurden jetzt um einen besonderen Titel ergänzt: Enders ist die aktuelle Stadtgoldschmiedin von Hanau.

          Gewählt wurde sie von einer Fachjury schon im Sommer 2019. Nun überreichten Christianne Weber-Stöber, Geschäftsführerin der Gesellschaft für Goldschmiedekunst und Leiterin des Deutschen Goldschmiedehauses, sowie Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) die Urkunde und führten Enders damit in ihre Funktion ein. Der Titel, der seit neun Jahren vergeben wird, gilt mittlerweile als begehrte Auszeichnung der modernen Schmuckszene.

          Arbeit statt Geld

          Alle zwei Jahre ernennt die Stadt einen Stadtgoldschmied oder eine Stadtgoldschmiedin. Außer Hanau gibt es mit Erfurt und Schwäbisch Gmünd nur noch zwei weitere Städte in Deutschland, die den Titel vergeben. Enders löst die Schmuckkünstlerin Silvia Weidenbach ab. Davor konnten sich der deutsche Schmuckkünstler Rudolf Bott, der Japaner Jiro Kamata, die Belgierin Hilde De Decker, der in Neuseeland arbeitende Karl Fritsch, die Hamburgerin Vera Siemund, der Vietnamese Sam Tho Duong sowie die Berlinerin Tabea Reulecke mit der Bezeichnung schmücken.

          Enders absolvierte eine Ausbildung zur Silberschmiedin an der Berufsfachschule für Glas und Schmuck in Kaufbeuren-Neugablonz. Auf der Insel Reichenau im Bodensee restaurierte sie Kirchengerät und stellte silberne Tafelobjekte her. Anschließend studierte Enders an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg.

          Ein gewöhnungsbedürftiger Pfefferstreuer, der aber dennoch zum Ei würzen taugt.
          Ein gewöhnungsbedürftiger Pfefferstreuer, der aber dennoch zum Ei würzen taugt. : Bild: Matthias Böhler

          Ihr Titel als Stadtgoldschmiedin ist nicht mit einem hohen Geldpreis verbunden, neben einer Zuwendung von 2500 Euro bringt sie dem Träger oder der Trägerin in der Regel vielmehr ein gutes Stück Arbeit ein. Im Verlauf der beiden Jahre verbringt ein Stadtgoldschmied auf Kosten der Stadt mindestens sechs Wochen in Hanau. Für das Gemeinschaftsprojekt aus Stadt Hanau, Staatlicher Zeichenakademie und Gesellschaft für Goldschmiedekunst stellt die Stadt ein Budget von 15.000 Euro zur Verfügung, das beispielsweise zur Finanzierung von Materialien gedacht ist. Die Organisation liegt in der Verantwortung der Gesellschaft, und die Zeichenakademie stellt ihre Werkstätten zur Verfügung, außerdem richtet sie für die Stadtgoldschmiedin einen Arbeitsplatz ein.

          Tafelgeräte und kirchliche Objekte

          Wichtigster Bestandteil der Tätigkeit sind außer Vorträgen vor allem Workshops mit Schülern der Staatlichen Zeichenakademie in Hanau. Gegen Ende der Zeit als Stadtgoldschmiedin werden das Ergebnis der gemeinsamen Arbeit sowie weitere Stücke des Künstlers in einer Werkschau im Goldschmiedehaus präsentiert. Wann diese für Isabelle Enders stattfinden kann, steht noch nicht genau fest, da die Terminplanung von der weiteren Entwicklung der Corona-Epidemie abhängt. Schon die Werkschau von Silvia Weidenbach konnte nur verkürzt stattfinden.

          Mittlerweile hat das Deutsche Goldschmiedehaus in der Altstadt wieder geöffnet, aber nur noch freitags bis sonntags. Der Hanau-Aufenthalt von Isabelle Enders ist für nächsten Sommer geplant. Die Werkausstellung könnte im Sommer 2022 stattfinden.

          Den Besucher werden dort viel Buntes und ausgefallene Designs aus mancherlei Materialien erwarten. Dabei wird er vermutlich auf viele merkwürdige Salz- und Pfefferstreuer stoßen, denn deren Gestaltung liegt der 1979 geborenen Silberschmiedin derzeit besonders am Herzen. Zu ihren Motiven gehört aber auch die Herstellung von silbernem Tafelgerät und kirchlichen Objekten. So dürfen die Ausstellungsgäste gespannt sein, welche Mischung ihnen in etwa zwei Jahren präsentiert wird.

          Nicht fehlen dürfen bei der Gelegenheit die Salz- und Pfefferstreuer der Serie „Dolores“. Sie stammen aus dem 3D-Drucker und strahlen eine wilde und zugleich harmonische Farbigkeit aus. Dabei ist jedes Stück ein Unikat, weil Enders den eigentlich uniformierten Druckprozess immer wieder anhält und so zu sich ständig verändernden Ergebnissen kommt.

          Irgendwie lustig, aber auch interessant und abwechslungsreich sind die Streuer der Serie „PfefferMarsch!“. Wasserhahngriffe des zwanzigsten Jahrhunderts dienen Enders als künstlerische Spielwiese. Die nostalgischen Stücke haben ihre ursprüngliche Funktion verloren und dürfen laut Enders ihre Funktionalität als Drehknauf neu unter Beweis stellen, das sei „eine Huldigung an das so vielfältige, meist anonyme Armaturdesign des letzten Jahrhunderts“, sagt die Künstlerin.

          Informationen zu Öffnungszeiten, Veranstaltungen und Führungen finden sich auf der Homepage www.goldschmiedehaus.com.

          Weitere Themen

          Kampf mit Messern, Fäusten und Stöcken

          Landgericht Hanau : Kampf mit Messern, Fäusten und Stöcken

          Eine Messerstecherei im April in Hanau endete für etliche der Beteiligten mit lebensgefährlichen Verletzungen. Am Freitag machte eine Litauerin als erste Zeugin in der Verhandlung vor dem Landgericht Hanau ihre Aussage.

          Topmeldungen

          Wollen keine Spaltung: Biden und Harris am 1. Dezember in Wilmington

          Joe Biden gegen Spaltung : Die Botschaft lautet Zuversicht

          Biden glaubt, dass Kompromisse zwischen Demokraten und Republikanern möglich sind – trotz aller Polarisierung. Ein Einlenken beim Abzug der Soldaten aus Deutschland scheint ein erstes Zeichen dafür zu sein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.