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Kunsthalle Mainz : Habenichtse, die eigene Familie und allerlei Getier

Unter der Brücke lebt es sich schlecht: „Vorhof(Wartestand)/Wir kommen!” von Johannes Spehr, 2009 Bild: kunsthalle mainz

Es war, es ist, es wird einmal: Videos und Installationen von Guy Ben-Ner, monochrome Zeichnungen von Johannes Spehr und Filmarbeiten von Corinna Schnitt in der Kunsthalle Mainz.

          Und plötzlich steht man mittendrin. Dabei haben wir es immer schon geahnt, schließlich sind die meist monochromen Tuschezeichnungen Johannes Spehrs, die derzeit in der Kunsthalle Mainz zu sehen sind, im Grunde unser aller kapitalistischer, wenn auch ein wenig zugespitzter Alltag. Mit Verteilungskämpfen zwischen Kindern, Alten, Angestellten und jenen, die außer ihrem Schlafplatz unter einer Brücke gar nichts haben, mit heimtückischen Überfällen, offenen Straßenschlachten, heftigen Grabenkämpfen. Im Mittelpunkt also stehen die Habenichtse, die nichts, und die anderen, die alles zu verlieren haben und das Unheil kommen sehen.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Doch wer warum und gegen wen auf welcher Seite kämpft, bleibt stets irritierend offen. Wenn Spehr jetzt für die Ausstellung in der Kunsthalle die Zeichnungen in einer eigens für diesen Ort entwickelten Installation präsentiert und mithin ins Dreidimensionale erweitert, dann holt er den Betrachter hinein in seine Bilder und macht ihn gleichsam zu einem der Akteure. Denn für welche Seite wir uns auch entscheiden, wir stecken mitten im chaotischen Geschehen. Dabei sieht man von außen nichts als eine gewaltige, von Stacheldraht bewehrte Mauer, davor einen Haufen Sand und ein zurückgelassenes Boot, als seien eben erst Flüchtlinge hier am „Südwall Europa“, so der Titel, gestrandet. Und hätten die Mauer überwunden. Doch nichts Genaues weiß man nicht.

          Schlachtfeld voller Flaschen, Scherben, Pflastersteinen

          Denn jenseits oder vielleicht besser diesseits des Schutzwalls vor dem Elend anderer Länder wie stets das gleiche Bild, nur nach dem sozialen Beben: ein Schlachtfeld voller Flaschen, Scherben, Pflastersteinen, Fahnen. Oder Transparenten ohne Motto, Sinn und Zweck und Ziel der offensichtlich fehlgeschlagenen Aktion. Oder aber die Habenichtse stürmen mittlerweile die Paläste, wer weiß das schon, wer will es wissen? Johannes Spehr lässt derlei lieber offen. „Ich gucke mir an“, hat der 1965 geborene Frankfurter Künstler sein Themenfeld einmal charakterisiert, „was sich um mich herum abspielt an grundsätzlichen Problematiken und klopfe das ab auf die Relevanz für mich oder auch auf eine metaphorische Komponente, die da drin zu liegen scheint.“

          Das würde sicher auch der israelische Künstler Guy Ben-Ner ganz vorbehaltlos unterschreiben, dessen Videos und Installationen den zweiten Schwerpunkt der Schau ausmachen. Nicht zufällig sind er selbst und seine Familie die bevorzugten Protagonisten seiner Videos. Und kaum zufällig auch geht es wie in der für die Biennale in Venedig entstandenen Installation „Treehouse Kit“ um Fragen nach der künstlerischen Identität, der gesellschaftlichen Bedeutung von Kunst, nach Eigentum und Wert und Kapitalismus einerseits, nach Schönheit, Liebe und Familie andererseits. So etwa auch in dem äußerst charmanten Video „Stealing Beauty“ von 2007.

          Doch wiewohl seine Arbeiten gerade wie die Zeichnungen Spehrs stets narrativ daherkommen, gelegentlich auf literarischen Vorlagen wie „Moby Dick“, „Robinson Crusoe“ oder, wie in „Second Nature“, auf einer Fabel von La Fontaine basieren, ist die formale Klammer stets eine konzeptuelle. Sei es, dass Ben-Ner ausschließlich in Versen spricht wie in „Drop the monkey“, sei es, dass er Bild- und Realitätsebene gegeneinanderblendet und mithin das eigene Medium zum Thema macht. Oder aber er spiegelt Privatheit und Öffentlichkeit formal noch einmal in der Wahl des Drehorts, indem er sich für „Stealing Beauty“ mitsamt der Familie in einem Möbelhaus einquartiert - stets sind diese Filme deutlich komplexer, als sie auf den ersten Blick erscheinen.

          Märchenhafter Schlusspunkt

          Und schließlich ist es mit Corinna Schnitts in der „VideoZone“ vorgestellten Arbeit „once upon a time“ eine dritte wesentlich erzählerisch motivierte Position, die zu entdecken sich trotz der dem Betrachter einiges an Konzentration abverlangenden Fülle der Videos unbedingt lohnt. Nicht nur, weil die in Braunschweig lehrende Künstlerin mit diesem Film gleichsam den märchenhaften Schlusspunkt setzt zu den künstlerisch die soziale wie die eigene Realität befragenden Arbeiten Spehrs und Ben-Ners. Er ist vor allem wunderbar gemacht. Rund 25 Minuten dreht sich die fest installierte Kamera immer um sich selbst und zeigt während dieses 360-Grad-Schwenks den stets gleichen Ausschnitt eines Wohnzimmers mit Couch und Fernseher und Bücherregal, mit Teppich, Zimmerpflanze, einer Lampe und dergleichen, und doch zeigt sich der Raum mit jeder Drehung ganz und gar verwandelt.

          Taucht erst eine Katze auf, dann eine zweite, die sich für das Goldfischglas interessiert, sodann treten auf ein weißer Kakadu, Kaninchen und ein Hund und eine Handvoll Hühner, die eine oder andere Gans und Enten, dann eine ausgewachsene Ziege mit Vorliebe für Ficus-benjamini-Blätter, ein Esel, rosa Ferkel und noch ein Papagei und überhaupt so allerlei Getier, das hier bei aller Liebe nichts zu suchen hat. Und mit jedem Schwenk löst sich die vorgefundene gutbürgerliche Ordnung ein Stückchen weiter auf. Ein Märchen nur, mag sein, wie es der Titel uns verspricht. Aber eines, das sich hier und jetzt und vor den Augen des Betrachters ereignet, als sei das ganz normal. Das ist von einer stillen, buchstäblich zauberhaften Komik, der man sich kaum entziehen kann.

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