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Vielseitige Kunstausstellung : Kaum jemand liebt die braune Farbe

Diese schönen Bälle aus Guatemala sind besonders: Sie bestehen aus Abfällen der Fleischindustrie. Bild: Aslan Kudrnofsky

Was wir schön finden, hat nicht nur mit dem Auge des Betrachters zu tun. Das macht die Ausstellung „Sagmeister & Walsh – Beauty“ im Frankfurter Museum Angewandte Kunst deutlich.

          Sie haben eine steile These. Die gleichwohl ziemlich populär, wenn nicht gar populistisch ist. Sie lautet ungefähr so: Die Moderne hat die Schönheit abgeschafft, dabei ist sie es doch, nach dem wir alle streben, gleichgültig, in welcher Kultur wir aufgewachsen sind, und was uns zu glücklichen Menschen macht. Das Schöne musste nach Auffassung des Designerduos Stefan Sagmeister und Jessica Walsh im 20. Jahrhundert dem Funktionalen weichen. Gerade die architektonische Gleichmacherei aber verkenne das Grundbedürfnis nach dem Ornamentalen, das eben nicht, wie Adolf Loos einst dekretierte, ein Verbrechen ist. Die Situation, in die uns die moderne Architektur am Ende des vorigen Säkulums gebracht hat, beschreibt einer der zahlreichen, stets prägnanten Ausstellungstexte so: „Ob in der brütenden Hitze der Tropen oder der klirrenden Kälte der Arktis – man lebte und arbeitete in einer Schachtel.“ Statt im Iglu haust man nun auch in Alaska im Plattenbau.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Ausgerechnet in dem Museum, wo vor kurzem noch die Schau „Moderne am Main“ anlässlich der Gründung des Bauhauses vor 100 Jahren den Frankfurter Beitrag zu einer zweckmäßigen Einrichtung des Lebens gefeiert hat, fordert nun die Ausstellung „Sagmeister & Walsh – Beauty“ die Rehabilitierung eines Begriffs, der bei Künstlern, Kunstvermittlern und ästhetischen Theoretikern lange Zeit nicht hoch im Kurs stand. Der Titel eines Sammelbandes aus den siebziger Jahren, „Die nicht mehr schönen Künste“, ist symptomatisch für die Abwertung einer Kategorie, mit der sich doch schon die antiken Philosophen beschäftigt hatten. Was aber Sagmeister und Walsh unter Schönheit verstehen, deutet schon die Typographie an, die sie in ihrer Schau im nun doch auch recht schönen weißen Richard-Meier-Bau des Museums Angewandte Kunst verwenden: das Verschnörkelte, Verspielte, Üppige, Formen, die das Auge beschäftigen und in denen es sich verlieren kann, Symmetrien und alles, was sich dem Diktat des rechten Winkels entzieht.

          Reduktion auf das Wesentliche

          Dabei haben auch viele Bauhaus-Künstler eine Vorstellung von ästhetischer Perfektion gehabt, und nicht allem, was sie produziert haben, wird man Schönheit absprechen können, zumal dann nicht, wenn man sie mit der Klarheit des Ausdrucks und einer Reduktion auf das Wesentliche verbindet. Was man tun kann. Dass auch Rechtecke schön sein können, belegen Sagmeister & Walsh immerhin selbst, indem sie die Abbildung eines echten Mondrians neben die eines seinem Stil nachempfundenen Gemäldes stellen: 85 Prozent der Betrachter, ob sie aus Europa, den Vereinigten Staaten, Asien oder Australien kommen, sind, so erfahren wir, in der Lage, die Originalkomposition vom Fake-Mondrian zu unterscheiden. Intuitiv merken wir, welches Werk den Idealen des Schönen folgt, die der Künstler durch viel Probieren herausgefunden hat. Es geht um Proportionen, um die Zusammenstellung von Farben, um einen harmonischen Gesamteindruck.

          Hier wie an vielen anderen Stellen dieser Schau sind die Besucher aufgefordert, mittels in den Tickets mitgelieferter Papiermünzen, die in entsprechende Schlitze zu stecken sind, eine Entscheidung zu treffen. Zum Beispiel auch darüber, welche Formen oder Farben sie am schönsten finden. Und wieder gilt fast überall auf dem Planeten und daher auch im Frankfurter Museum: Der Kreis wird dem Rechteck vorgezogen. Und Braun stellt sich als die am wenigsten attraktive Farbe heraus. An Säulen zu erkennen, in denen sich hinter den einzelnen Stationen die Münzen sammeln. Dass es auf der ganzen Welt braune, gleichförmig neben- und untereinander angeordnete Wohneinheiten gibt, mutet da einigermaßen paradox an.

          Unbestreitbarer Spaßfaktor

          Mit etlichen interaktiven Installationen, denen sich zu widmen dieser Schau einen unbestreitbaren Spaßfaktor verleiht, können sich die Besucher in die Frage nach der Schönheit vertiefen. Direkt von dort lassen sich etwa Taschen mit einem ansprechenden Aufdruck bestellen, den jeder nach den Vorgaben der Symmetrie selbst gestalten kann. Denn diese, das ist hier zu lernen, gehört wesentlich dazu, wenn wir etwas als schön empfinden.

          Forschungen der empirischen Ästhetik führen zu erstaunlichen Ergebnissen, auch das zeigt die Schau: Alzheimerpatienten etwa verlieren nicht das Gefühl für das Schöne. Eine Vielzahl an Themen wird angesprochen, und ein Teil der Ausstellung widmet sich den schönsten Objekten, die beide Designer im Museum entdeckt haben. Eine Reise in die Fülle wunderbarer Dinge. Dass draußen zur Eröffnung eine Luxuswagenfirma, Sponsor der Schau, ihre Modelle mitsamt undezenter Angabe der Preise plazieren durfte, ist trotz der fraglosen Schönheit der Automobile ein Hinweis auf die unschöne Koppelung von Kultur und Kommerz.

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