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Kunst von Nicolas Henry : Komm in meine Hütte

Lebende Bilder: Nicolas Henry, „A Place in the Sun – Hereros reflets“ Bild: Nicolas Henry

Nicolas Henry mischt Performance und Foto – nicht nur in einer Ausstellung bei Parisa Kind, sondern auch live im Frankfurt Lab. Dabei gibt er Ungehörten eine Stimme.

          Mit einem Mal steht man mittendrin. Tritt ein in die „Cabanes imaginaires“, die Nicolas Henry seit einigen Jahren auf der ganzen Welt entwirft. Wird Teil der ebenso aufwendig wie provisorisch, phantastisch wie präzise anmutenden Inszenierungen, wie man sie eben erst in der Frankfurter Galerie Parisa Kind kennengelernt hat, wo der französische Künstler eine dichte Auswahl seiner Fotoarbeiten zeigt. Improvisierte, vom Set bis zu den Kostümen eigens entworfene Räume irgendwo zwischen Filmkulisse, Wanderbühne und Augsburger Puppenkiste.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Bühnen, in denen Henry vor dem Objektiv der Plattenkamera Geschichten von Abenteuerlust, Landnahme und Vertreibung, von Ängsten und Träumen, von Rassismus und Apartheid, Sklaverei und Völkermord und nicht zuletzt von Stolz und Widerstand erzählt. Erst im Frankfurt Lab aber , wo Henry nun im Rahmen der „Frankfurter Positionen“ „A Place in the Sun: Costumes and Heroes in the Post-Colonial Era“ inszeniert hat, versteht man, dass der 1978 geborene Künstler nicht einmal in erster Linie Fotograf ist. Dass also der ganze Aufwand nicht bloß der Inszenierung eines Fotos dient, wie es Henry in meist gefundenen, auf dem Flohmarkt erstandenen Rahmen in Museen und Galerien präsentiert. Es ist nur alles, was am Ende bleibt.

          Henry, so zeigt die eigens für das Festival entstandene Performance, ist ebenso sehr Schauspieler wie Regisseur, Bühnenbildner wie Fotokünstler oder Lichtdesigner. Und, vielleicht am meisten, Sammler von Geschichten. Von Überlieferungen und historischen Begebenheiten, die er mal recherchiert, mal in Brasilien, in Namibia und Ruanda, in Äthiopien, den Vereinigten Staaten und auf Madagaskar oder jetzt in Frankfurt sich erzählen lässt, um sie in Bilder, in „Tableaux vivants“ zu übersetzen. Immerhin werden die aus Papier und Pappe und aus vorgefundenen Stoffen geschaffenen Bühnenbilder im Theater live bespielt.

          Stimme für die Opfer kolonialer Grausamkeiten

          Professionelle Performer wie Gora Diakhaté oder Mohamed Aroussi stehen dabei ebenso auf der Bühne wie migrantische Laien aus Frankfurt, die ihre eigenen Geschichten, ihre Wünsche, Mythen, Träume in „A Place in the Sun“ eingebracht haben und die nun mal als Astronaut, mal als Sisi und Franz Josef ihren lustvoll kostümierten Auftritt haben. Und es entbehrt nicht der Ironie, dass manche dieser inszenierten Bilder anmuten wie Dioramen für ein koloniales Publikum. „Grenzen der Verständigung“ sind die neunten „Frankfurter Positionen“ überschrieben, und es sind genau diese Grenzen, die Henrys „Costumes and Heroes“ kaum merklich unentwegt verschieben.

          Sei es, weil in jeder der Performances, auf der Bühne wie unter den Zuschauern und hinter den Kulissen, Menschen aus unterschiedlichen Kontexten und Kulturen sich begegnen, sei es, weil Henry den Opfern kolonialer Grausamkeiten und postkolonialer Verwerfungen zuhört und, mehr noch, eine Stimme gibt. Und das Publikum steht staunend, bisweilen schaudernd. Was bleibt aber von „A Place in the Sun“, ist im Theater wie im Kunstkontext das, worum sich am Ende alles dreht: Was bleibt, ist in jedem Fall ein Bild.

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