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Kunst : Leuchtender Rittersporn und dunkler Tann

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Wenn das der Herrgott wüßte. Die ganze Welt, einst so hübsch eingerichtet mit Himmel und Hölle, offenbart auf Marie Holzers großer Bühne nicht die Spur von Hoffnung noch Verdammnis. Kein Grund freilich, gleich die Nerven zu verlieren beim Rundgang der 12. Wiesbadener „Zusammenkunst“.

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          Wenn das der Herrgott wüßte. Die ganze Welt, einst so hübsch eingerichtet mit Himmel und Hölle, Dieseits und Jenseits und Jüngstem Gericht, offenbart auf Marie Holzers großer Bühne nicht die Spur von Hoffnung noch Verdammnis. Ein immerwährendes Purgatorium ist ihr von Dantes „Göttlicher Komödie“ inspiriertes Welttheater aus hunderten, womöglich tausenden Tonfiguren, die als „Personal ewiger Wiederkehr“ sich lieben und streiten, umarmen und schlagen, erniedrigen und massakrieren: Gut und Böse, hier scheint alles einerlei.

          Kein Grund freilich, gleich die Nerven zu verlieren beim Rundgang der 12. Wiesbadener „Zusammenkunst“, gehört doch der mal von mehr, mal von weniger Respekt getragene Umgang mit alten und neueren Meistern zum Konzept der anregenden Ausstellung im Nassauischen Kunstverein, die sich am Beispiel zehn vorwiegend junger Künstler wie Holzer, Felix Gmelin oder Tim White-Sobieski dem kunsthistorischen Zitat in der zeitgenössischen Kunst widmet. Und auch wenn die Zusammenstellung nicht restlos zwingend erscheint - der freche, frische Wind, der durch die Schau weht, hätte der einen oder anderen Galerieausstellung zum Saisonstart nach der Sommerpause durchaus nicht geschadet. Gleichwohl gab es auch unter den bekannten und gediegenen Positionen allerlei Entdeckungen zu machen.

          Etwa bei Haasner (Saalgasse 38), wo zum 20-Jahre-Jubiläum Skulpturen, Malerei und Grafik von elf der Galerie und dem Land Hessen besonders verbundenen Künstlern zu sehen sind. Oder bei Erhard Witzel (Kaiser-Friedrich-Ring 63), von dessen „Masterprints aus Privatsammlungen“ mit herrlicher Druckgraphik von Künstlern wie Sean Scully, Horst Janssen oder Klaus Fußmann, der mit einem leuchtenden „Rittersporn“ vertreten ist, man am liebsten gleich das eine oder andere Blatt erworben hätte. Annegret Soltau zeigt unterdessen in der Galerie Buschlinger (Adolfsallee 47) unter dem Titel „Nichts ist, wie es scheint“ eine schlüssige Auswahl ihrer seit 30 Jahren in immer neuen Variationen entstehenden Foto-Vernähungen in kleinem Format.

          Doch während hier Verletzung und mutwillige Zerstörung sowie das allem Anschein nach notdürftige, dann wieder akribische Flicken und Zusammenhalten der Fotografien sich zum komplexen Bild fügen, beschränkt sich in den erstmals ausgestellten und ins Negativ gewendeten Aufnahmen aus jüngerer Zeit der gewaltsame Eingriff auf die Wahl des Ausschnitts. Im Grunde aber bleibt auch hier nicht mehr als ein Fragment. Die Dekonstruktion und die gleichzeitige Frage nach der Skulptur stehen unterdessen im Zentrum der neuen Arbeiten Peer Venemans bei Hafemann (Oranienstraße 48). Stühle, Hocker, Sessel vorwiegend der siebziger Jahre, darunter Klassiker wie Mobiliar vom Sperrmüll, sind dem Amsterdamer Künstler das Material, das, mit Kunststoff und Farbe überzogen und neu zusammengesetzt, als autonome Plastik merkwürdig fremd und vertraut zugleich anmutet.

          Nur setzen sollte man sich lieber nicht. Dafür darf man im Bellevue-Saal (Wilhelmstraße 32) die Kunst gleich einmal beim Wort nehmen. „Berühren“ lautet dort der vorschnell ein wenig mißtrauisch machende Titel der Doppelausstellung von Vera Bourgeois und Ute Thiel. Doch während all die Stoßgebete, guten Wünsche und Kalenderweisheiten zum Thema, die Mitglieder der Katholischen Akademie in Bayern für Bourgeois aufgeschrieben haben, auch auf Leinwand und selbst die fromme Seele künstlerisch nicht wirklich zu überzeugen vermögen, erscheint Thiels Schaumstoffskulptur mit dem schönen Titel „Müttergenesungswerk“ berührend gleich in mehrfacher Hinsicht. Und so mag man sich setzen, fünf Minuten die Beine ausstrecken und mal kurz die Augen schließen, bevor man sich aufmacht zu den wenigen Orten, die mit im engeren Sinne malerischen Positionen locken bei diesem Saisonstart.

          Zur Galerie Winter etwa (Parkstraße 24), wo Juan Martinez in seinen Leinwand- und Papierarbeiten weiter das für ihn zentrale Thema der Identität umkreist, formal freilich konsequent den vor ein paar Jahren eingeschlagenen Weg von der figurativen Darstellung zur Vereinfachung fortsetzt. Realistisch und expressiv zugleich dagegen erscheint die Malerei der Offenbacher Künstlerin Ingrid Schubert, deren Großstadt- und Kaffeehausszenen in kräftigen Farben die Galerie 40 Rother (Bahnhofstraße 40) in einer dichten Einzelausstellung vorstellt. Urbaner Alltag zwischen Berlin und Karlsbad, in der U-Bahn oder mit selbstgemachter Limonade im sommerlich leuchtenden Garten: fast beschaulich hier und da, mitten im Leben immer wieder, und doch will es scheinen, als sei die Einsamkeit dieser Figuren gerade dort am größten, wo die meisten Menschen unter ihresgleichen sich tummeln.

          Und nicht zuletzt erweist sich die Galerie Photonet (Taunusstraße 43) wieder einmal als lohnende Adresse für aktuelle Fotokunst in Wiesbaden. „Forst“ heißt die neue Serie des jungen Erfurter Fotografen Erik Niedling, und genau das zeigen die Bilder auch: Wald, nichts als Wald und Spuren der Verwüstung für die neue Autobahn. Doch die romantischen Wallungen, in die der Betrachter hier geraten mag, sie legen sich allmählich wieder. Denn mit Natur, so wird angesichts von Niedlings großformatigen Aufnahmen rasch offenbar, hat all der dunkle, gar malerisch ins Bild gesetzte dunkle Tann im Grunde lange schon nichts mehr zu tun. Den romantischen Blick aber, ihn wird man einfach nicht los. CHRISTOPH SCHÜTTE

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