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Kunst : „In Frankfurt hat alles angefangen“: Erinnerungen an das Jahr 1990

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"Nimm bloß keine Schecks von Westdeutschen", hatte seine Mutter ihn noch streng ermahnt, bevor sich Gerd Harry, genannt "Judy", Lybke im Frühjahr 1990 in Leipzig auf den Weg zur "Art Frankfurt" machte.

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          "Nimm bloß keine Schecks von Westdeutschen", hatte seine Mutter ihn noch streng ermahnt, bevor sich Gerd Harry, genannt "Judy", Lybke im Frühjahr 1990 in Leipzig auf den Weg zur "Art Frankfurt" machte. Und selbstverständlich hielt sich der Gründer und Inhaber der Galerie "Eigen und Art" auch an diesen mütterlichen Rat, denn damals war die Währungsunion noch fern. "In Frankfurt hat dann alles angefangen", erzählen Judy Lybke und Carsten Nicolai, der zu Aufbau und Eröffnung seiner großen Ausstellung "Anti Reflex" in der Schirn Kunsthalle gekommen war (F.A.Z. vom 20. und 22. Januar).

          Eine Zeichnung von Nicolai sei das erste Kunstwerk überhaupt gewesen, das 1990 am Messestand von "Eigen und Art" einen Käufer gefunden habe, erinnert sich Lybke. Klaus Trebes vom Restaurant "Gargantua" war der Kunstliebhaber mit dem Sinn fürs Kommende; bei ihm lernten der Künstler und sein Galerist zum erstenmal einen Gourmet-Koch westlicher Prägung kennen - und waren erstaunt, als sie erfuhren, wie viel Arbeit hinter diesem Tun steckt. Und das "Gargantua" wurde zu ihrem Frankfurter Anlaufpunkt, immer wieder haben sie sich auch in späteren Jahren dort getroffen.

          Der gemeinsame Karrierestart der beiden in Frankfurt gestaltete sich zunächst als großes Abenteuer. Auf einer Kunstmesse im Westen auszustellen war dem Leipziger Galeristen ja lange Zeit versagt gewesen. Nun hatte er plötzlich die Chance - aber leider kein Geld, um die Standmiete auf der "Art Frankfurt" zu bezahlen. Aber Lybke hatte Glück: Der Unternehmer Arend Oetker, damals Vorsitzender im Kulturkreis des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, half ihm mit einem zinslosen Kredit und mußte diese großzügige Geste keineswegs bereuen: Die Zeichnungen und Holzschnitte von Carsten Nicolai und seinem Bruder Olaf Nicolai oder die Werke der anderen Künstler dieser Galerie waren im Handumdrehen ausverkauft, vor allem aber der - auch im Preis - monumentale "Frankfurter Altar" von Rainer Görß und Peter Dittmer.

          Als die ersten Vernissagebesucher im Stand von "Eigen und Art" nach den Preisen der Kunstwerke fragten, sei er ganz ratlos gewesen und zu seinem Standnachbarn Walter Storms geeilt, erinnert sich Lybke: "Sag mal, wie machst du eigentlich deine Preise?" Die Summen, die ihm Storms nannte, fand er so exorbitant, daß er sie vorsichtshalber halbierte - und immer noch erstaunlich hoch fand. Daß er als ostdeutscher Galerist 1990 keine Schecks annehmen konnte, tat seinem glänzenden Verkaufsergebnis keinen Abbruch. Und als die erste "Art Frankfurt" zu Ende war, ging Lybke zur Messeleitung, um zu bezahlen, und klappte zur größten Verblüffung der Anwesenden einen Koffer voller Bargeld auf.

          Seit 23 Jahren arbeiten Carsten Nicolai und Judy Lybke zusammen und verkörpern die Rollenverteilung zwischen Künstler und Galerist in geradezu idealtypischer Weise: Zurückhaltend, nachdenklich und vorsichtig formulierend der eine, ein Kommunikationsgenie, quirlig und mit sprudelnd sächsischem Wortwitz ausgestattet der andere. Frankfurt spielte im Leben des Künstlers Carsten Nicolai auch in den folgenden Jahren eine bedeutsame Rolle: Hier erhielt er im Jahr 1990 seine erste Auszeichnung überhaupt, den Förderpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung, der mit einer ersten Ausstellung im Frankfurter Kunstverein verbunden war. Auch dies war für den 1965 in Chemnitz geborenen Künstler eine Premiere. Neben der Anerkennung habe der mit 20000 Mark dotierte Preis für ihn "ein Jahr Leben" bedeutet. Zu jener Zeit habe er auch Bernhard von Loeffelholz von der Jürgen-Ponto-Stiftung kennengelernt, mit dem er noch heute befreundet sei.

          Heute bewegt sich Nicolai als souveräner Grenzgänger zwischen bildender Kunst, Naturwissenschaften, Klangexperimenten und Performance und ist auf internationalen Ausstellungen wie der Documenta oder der Biennale in Venedig präsent. Und immer wieder in Frankfurt: Im Jahr 2002 nahm er an der "Frequenzen"-Schau in der Schirn teil. Und dort hat er jetzt seine erste große Einzelausstellung. Klar, daß Judy Lybke zur Eröffnung kam. Konstanze Crüwell

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