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Kunst : Der Sammler, die Kunst und die Zigaretten

Die Rüsselsheimer Opelvillen zeigen unter dem Titel „Eine andere DDR. Moderne Graphik aus der Sammlung Rudolf und Ilse Franke“ eine Auswahl von 150 Aquarellen, Zeichnungen und Druckgraphiken von rund 100 internationalen Künstlern.

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          Was sollte aus dem Jungen bloß werden? Sicher, andere Kinder seines Alters mochten Briefmarken sammeln, Münzen vielleicht oder erste Liebesgedichte schreiben. Und daß der aus einem musisch geprägten Elternhaus stammende Rudolf Franke (1925-2002) nach der Schule zum Zeichenunterricht ging, war womöglich selbst im Kriegsjahr 1940 so ungewöhnlich nicht.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Daß jedoch ein 15 Jahre alter Schüler aus Erfurt am Weihnachtsabend beschloß, eine Kunstsammlung anzulegen, aus der im Laufe der Jahrzehnte die wohl umfangreichste Privatsammlung moderner Graphik werden sollte, die nach der deutschen Teilung in der DDR zusammengetragen wurde, erscheint angesichts der Umstände denn doch bemerkenswert.

          Freilich sammelte Franke zunächst keine Originale, mußten Postkarten, Kalenderblätter und Reproduktionen noch genügen. Doch als er 1951, nach Arbeitsdienst, Fronteinsatz und Kriegsgefangenschaft sowie dem scheinbaren Ende der so kunstfeindlichen Zeiten, sein erstes Inventarbuch anlegte und fein säuberlich mit Tinte Gerhard Marcks' 1921 entstandenen Holzschnitt „Trommler“ als erstes von am Ende rund 14.000 Blättern vermerkte, nahm die Erfüllung eines Jugendtraums ihre von Anfang an modernen Formen an.

          Theo Kellner (1899-1969), Berglandschaft mit Mond, 1953/54
          Theo Kellner (1899-1969), Berglandschaft mit Mond, 1953/54 : Bild: Angermuseum Erfurt

          Neue Sachlichkeit

          Wenn nun die Rüsselsheimer Opelvillen (Ludwig-Dörfler-Allee 9) unter dem Titel „Eine andere DDR. Moderne Graphik aus der Sammlung Rudolf und Ilse Franke“ eine spannende Auswahl von 150 Aquarellen, Zeichnungen und Druckgraphiken rund 100 internationaler Künstler zeigt, mag man angesichts so mancher wunderbaren Arbeit etwa von Max Liebermann, Erich Heckel oder Lyonel Feininger zunächst einmal schlicht staunen.

          Doch ist es neben der Qualität der Arbeiten und in Anbetracht des politischen Klimas, in dem sie zusammengetragen wurden, vor allem die Geschichte dieser außerordentlichen und von Frankes Witwe dem Erfurter Angermuseum zum Geschenk gemachten Sammlung, die im Zentrum des kuratorischen Interesses steht. Denn nicht nur, daß die Kunst der Moderne über Jahre herzlich wenig galt in Zeiten sozialistischer Kulturpolitik. Spätestens mit dem Mauerbau sah sich Franke, inzwischen Lehrer für freie und angewandte Grafik am Pädagogischen Institut Erfurt, vom internationalen Kunstgeschehen aus- und in der DDR eingeschlossen. Zwar galt seine Aufmerksamkeit zunächst vor allem den Künstlern der klassischen Moderne wie Heckel, dessen Holzschnitt „Berge“ zu den frühesten Erwerbungen zählt, oder Max Beckmann, der mit vier Blättern aus dem „Jahrmarkt“-Zyklus in der Ausstellung vertreten ist.

          Doch neben seiner Begeisterung für die Expressionisten, die Protagonisten der Neuen Sachlichkeit oder die Bauhauskünstler Klee und Feininger zeigt sich schon früh sein Interesse an der zeitgenössischen Kunst: den Künstlern der „Ecole de Paris“ etwa, der tschechischen Graphik und selbstredend der westdeutschen Nachkriegsmoderne. Und die, möchte man meinen, war von nun an nicht nur von vornherein verdächtig, sondern auch ganz und gar unerreichbar jenseits des Eisernen Vorhangs. Franke aber fand stets einen Weg. Ließ er sich so manche Arbeit wie einen „Zungen-Migoff“ Bernhard Schultzes von Verwandten aus dem Westen besorgen, so suchte er doch darüber hinaus zugleich mit zahlreichen Künstlern von sich aus Kontakt aufzunehmen. Mit freilich wechselndem Erfolg.

          Lithographien und Holzschnitte

          Emil Schumacher etwa, so will es die Anekdote, schickte ihm zunächst statt einer Radierung ein Päckchen Zigaretten nach Erfurt, weil er Frankes Ansinnen, ein Blatt des informellen Künstlers zu erwerben, offenbar nicht recht ernst nahm. In der eigenen Wohnung lud der Sammler unterdessen regelmäßig zu einem „Fest der Augen“ ein, um im Freundeskreis moderne Graphik vorzustellen. Darüber hinaus gehörte er 1963 zu den Gründern der „Erfurter Ateliergemeinschaft“, die - in inoffiziellem Rahmen, aber doch toleriert - Jahr für Jahr vor allem Ausstellungen mit nonkonformistischen Künstlern der DDR organisierte. Und damit der Kunst und den Künstlern abseits der offiziellen Pfade eine wenn auch kleine Bühne gab, deren Bedeutung kaum hoch genug einzuschätzen ist.

          „In der jetzigen Wüste, in der wir alle wohl mehr oder weniger gezwungen zu leben sind“, schreibt Gerhard Altenbourg nach seiner Erfurter Ausstellung an den lebenslangen Freund, „welch eine Freude ist es da, Kontakt zu finden zu gleichgearteten und gesinnten Freunden.“ Und es sind denn auch gerade die Arbeiten der DDR-Künstler, die zahlreichen Lithographien, Holzschnitte und ein spätes Aquarell Altenbourgs etwa, die Graphiken des Konstruktiven Hermann Glöckner, Willy Wolffs oder des später von der Bundesrepublik freigekauften Roger Loewig, anhand derer man die Bedeutung der Sammlung und mehr noch der Sammler- und Ausstellungstätigkeit unter realsozialistischen Bedingungen ermessen mag.

          „Eine andere DDR“, jener zunächst eher rätselhaft anmutende Titel der Rüsselsheimer Ausstellung, hier erschließt er sich dann doch. Daß das Ehepaar Franke das Sammeln nach der Wende und der bald sich anschließenden Wiedervereinigung aufgab, muß angesichts der über Jahrzehnte mit Sinn für Qualität gepflegten Leidenschaft dagegen überraschen. Vielleicht, mag man denken, sahen die Frankes den Sammlungsauftrag im Dienst der Kunst mit der ersehnten Freiheit als erfüllt an. Vor allem aber drängte es sie wohl auch, die Welt jenseits der einstigen Kulturwüste zu entdecken. Ihre Reisen führten sie in den folgenden Jahren quer durch Europa, nach Salzburg und Rom, London, Paris und Basel: in die großen Museen mithin mit ihren Schätzen, die über Jahrzehnte unerreichbar schienen.

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