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Kunst-Ausstellung : Im Spannungsfeld eines prinzipiellen Diskurses

Von jeher ein Ort des Teilhabens: Atelier „basis”. Bild: Daniel Nauck

Der Besucher darf sich als Teil der Installation betrachten: Sonia Leimers Ausstellung „uns so weiter“ im Frankfurter Atelierhaus „basis“.

          Darf man das jetzt? Soll man oder eher nicht den Anweisungen Folge leisten und die Kunst buchstäblich mit Füßen treten, wie es die Anleitung vorgibt? Und guckt auch keiner? Schließlich macht man sich womöglich doch nur lächerlich, rennt man etwa 45 schnelle Schritte auf Beton, nur, um dann allmählich langsamer zu werden, als habe man erschöpft, enttäuscht oder gar wütend gerade seinen Zug verpasst; schlafwandelt auf Teppichboden, lässt Kies oder Glassplitter so spannungs- wie geräuschvoll unter den eigenen Füßen knirschen oder stolpert gar nach einem Dutzend Stufen auf der nicht vorhandenen Treppe.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Einfach, mag man sich da in Sonia Leimers ein wenig seltsam „uns so weiter“ überschriebenen Ausstellung im Frankfurter Atelierhaus „basis“ (Gutleutstraße 8–12) denken, einfach macht es die Südtiroler Künstlerin sich und dem Betrachter nicht. Indes, hat man sich erst einmal überwunden, zeigt „Series of successive instants“ mit seinen benutzbaren, gleichsam dem Handwerkszeug der Geräuschemacher beim Film nachempfundenen Untergründen auf denkbar schlichte spielerische Weise, worum es geht im Werk der 1977 in Meran geborenen Künstlerin.

          Wie auf einem Schrottplatz abgelegten Rudimente zweier Skulpturen

          Denn nicht nur, dass der Besucher sich als Teil der Installation begreifen mag, wie es der Titel nahelegt; vor allem fallen der gleichsam „live“ produzierte Ton und das nur durch die abstrakten, durch Sprache vermittelten Handlungsmuster existente „Bild“ dieses Films hier sichtlich auseinander. Derlei Wahrnehmungslücken, zeitliche und räumliche Verschiebungen sind denn auch Leimers eigentliches Thema. Gleich ob sie, wie in der Fotoserie „Chinese Garden“, die allmähliche Aneignung einer herrlich gekachelten Wiener Metzgerei durch ein chinesisches Restaurant dokumentiert, wie in der Installation „Backlot“ hier Setbeschreibungen aus einem fiktiven Drehbuch aus dem Off ertönen lässt, während im benachbarten Raum, zeitlich mit jedem Loop versetzt, Bilder von Parkhäusern oder einem Museum über die Leinwand flimmern: Die Geschichte, die Leimer fragmentarisch eher skizziert erzählt, hat ihren Ort genau dazwischen.

          An jenem Riss, der mitten durch die im Allgemeinen als kongruent sich darstellenden Wahrnehmungsebenen verläuft. Kaum eine Arbeit aber ist bei aller inhaltlichen Komplexität formal so klar konzipiert wie jene, in der die Kunst selbst ins Zentrum der Betrachtung rückt. Ein Video, das in nur drei Einstellungen die wie auf einem Schrottplatz abgelegten Rudimente zweier Skulpturen zeigt, ein Zitat aus einem Brief des amerikanischen Künstlers Rudolph Heintze und ein Buch, das die Diskussion um Richard Serras am Ende jahrelanger Auseinandersetzungen aus dem öffentlichen Raum entfernten „Tilted Arc“ dokumentiert.

          Der Beobachter muss sich selbst positionieren.

          Das ist fast schon alles, was „Locations“ installativ mit frappierender Selbstverständlichkeit zusammenhält. Bis man die kühn geschwungene Wand des Ausstellungsraums als Reminiszenz an Serras gewaltige, einst die Federal Plaza in New York durchschneidende Skulptur erkennt. Auch hier also geht es um Verschiebungen, um Veränderungen des öffentlichen wie des Ausstellungsraums einerseits, des Charakters eines einst prominent plazierten, die Öffentlichkeit irritierenden und mittlerweile eingelagerten Kunstwerks andererseits. Und keineswegs zuletzt um die Rolle des potentiellen Betrachters, der Serras stählerne, seinerzeit eigens für den Ort geschaffene Skulptur in der Dokumentation schon mal das „hässlichste, dümmste, widerlichste und gewöhnlichste“ Kunstwerk nennt, das er jemals gesehen habe.

          Das mag man komisch finden oder lächerlich, absurd vielleicht oder schlicht exemplarisch für einen Diskurs, der die Kunst und insbesondere jene im urbanen öffentlichen Raum vornehmlich als eine Frage des Geschmacks begreift. Allein, die Kunst, so lehrt „Locations“, bleibt davon eben nicht in jedem Falle unberührt. Und stellt doch als Skulptur manifest gewordenes Ärgernis wie noch im Zustand ihrer Demontage vor allem unbequeme Fragen. Statt sie zu beantworten, schiebt Leimer verschiedene Wahrnehmungsebenen ineinander. Und entfaltet mithin mit künstlerischen Mitteln allererst das Spannungsfeld eines jenseits der New Yorker Kontroverse prinzipiellen Diskurses. Genau hier aber hat auch der Betrachter von „Locations“ seinen Ort. Positionieren muss er sich derweil schon selbst.

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