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Kunst aus Frankfurt und Helsinki : In der Kunst ist immer alles noch viel schlimmer

Gebeutelt: Bild aus dem Video „Daddy’s Girl (Hopeless Attempt Not To Cry Listening To That Song)” von Heta Kuchka, 2008. Bild: Atelier Frankfurt

Ist die Melancholie in Finnland zu Hause? Nicht ganz. Das zeigt eine Ausstellung im Atelier Frankfurt mit Werken von Künstlerinnen aus Frankfurt und Helsinki.

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          Womöglich ist das alles nur ein Missverständnis. Eine Erfindung, eine spezifisch männliche Projektion oder schlichtweg ein die Wirklichkeit allmählich überlagerndes und sie am Ende gar ersetzendes Klischee. Dass man für die Wahrheit hält, was uns die Kunst und insbesondere das Kino über ein fremdes Land immer wieder neu und anders, im Grunde aber doch immer gleich erzählen. Dass im New York Jim Jarmuschs kaum ein Taxifahrer mehr als ein, zwei Sätze Englisch spricht, dass ganz Paris immerzu von der Liebe träumt, und mehr noch, dass in Berlin das schöne, bunte, wilde Leben der Boheme seine Heimat hat.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Und dass in Helsinki wie sonst nirgends oder allenfalls im schönen Lissabon – wo Aki Kaurismäki, wenn er nicht in Finnland weilt, bevorzugt lebt – die Melancholie höchstselbst zu Hause ist. Dass man dort den lieben langen Tag mutterseelenallein im Café sitzt und ein bisschen Tango hört, naturgemäß viel Wodka trinkt, dazu schwarzen Kaffee, und ansonsten meistens schweigt. Angesichts der vom Frankfurter Frauenreferat gemeinsam mit dem Atelier Frankfurt realisierten Ausstellung mit zehn vorwiegend jungen Positionen finnischer und am Main lebender Künstlerinnen im Showroom des Atelierhauses (Hohenstaufenstraße 13–25) jedenfalls fällt es zunächst ein wenig schwer, diesem pittoresken Bild fürderhin zu glauben.

          Schimpfwörter ergänzen sich

          Denn Klischees fortzuschreiben ist die Sache dieser Künstlerinnen nicht, im Gegenteil. „Isn’t Everything After All A Part Of Our Inner Life, With The External Left Outside Our Consciousness“ lautet der ellenlange Titel der Schau. Sie stellt vor allem Fragen. Nach Kindheitsmustern und Geschlechterrollen, nach der Existenz im Allgemeinen und der – weiblichen – Identität im Besonderen. Das gilt für manche der Frankfurter Künstlerinnen wie etwa Sandra Mann, die im Rahmen des städtischen „Artist in Residence“-Programms selbst drei Monate in Helsinki verbracht hat, genauso wie für Fides Becker, die das ganze Entree des Ausstellungsareals in eine illusionistische, freilich nur scheinbar mit Tüll und Spitzenstoff allerliebst ausgestattete Bühne verwandelt hat.

          Ingke Günther hat derweil ihre beeindruckende Sammlung leicht aus der Mode gekommener Schimpfworte von „Arschgeige“ über „Gewitterziege“ und „Hundsfott“ bis „Rindvieh“, „Sonntagsfahrer“ oder „Zimtzicke“ um einige finnische Unverschämtheiten wie „älykääpio“ oder „persläpi“ erweitert und stickt all das brav und unschuldig wie ein Schulmädchen aus auch schon längst vergangenen Zeiten fein säuberlich auf Büttenpapier, während Gabi Schaffner ihre Eindrücke aus Helsinki in einer die Phantasie anregenden Klangcollage spiegelt.

          Manche Bilder bergisst man nicht

          Und doch sind es am Ende einige der finnischen Positionen, die einen noch stärkeren Eindruck hinterlassen. Zwar mag man wissen, dass die finnische Kunst und insbesondere die Fotokunst sich vor rund 15 Jahren als „Helsinki School“ gleichsam neu erfunden haben und auch in Deutschland in zahlreichen Ausstellungen zu entdecken waren. Die Arbeiten der Malerin Marikka Kiirikoff oder auch der Fotografin Anni Leppälä fügen sich denn auch trefflich ein in das Bild eines für die finnische Kunst vielleicht nicht typischen, aber doch gern variierten fragmentarischen Erzählens von Mythen, von dunklem Wald und Märchen, von Traumata und Kunstgeschichte.

          Schon das ist kein schlechter Auftritt. Die Bilder aber, die man nicht vergisst, die für nachhaltige Beklemmung und Verstörung sorgen, sind jene, die sich auch mit größtem Aufwand nicht eigentlich inszenieren lassen. Wenn etwa Minna Suoniemi in ihrer Videoperformance „Big Bad“ in einem fliederfarbenen Dirndl auf- und abspringt wie von der Tarantel gestochen oder Heta Kuchka zu den Klängen von Compay Segundos „Chan Chan“ sich offenkundig nicht so recht entscheiden kann, ob sie lachen oder weinen soll, dann mag man das zunächst zwar eher komisch finden. Doch wenn Suoniemis Hände sich verkrampfen, die Adern anschwellen und sie sich auf die Lippen beißt, wenn ihre Brüste in dem engen Mieder auf- und abspringen und die Performerin sichtlich und geradezu spürbar komplett die Kontrolle verliert und das einfach nicht aufhören will; wenn Kuchka in „Daddy’s Girl (Hopeless Attempt Not To Cry Listening To That Song)“ immer wieder abbricht, aus dem Bild geht und lächelnd zurückkommt, bis ihre Lippen zu zittern beginnen und ihr die Züge mehr und mehr entgleiten, bis sie hemmungslos zu weinen anfängt, dann ist das von einer konzeptuellen Schlichtheit und zugleich von einer Intensität und Unmittelbarkeit und Kraft, der man sich auch beim zweiten Sehen kaum entziehen kann. Tango und Zigaretten, Schnaps und Kaffee und Melancholie – glaubt man dem Klischee, dann ist die finnische Krankheit zugleich die beste Therapie. Allein, hier ist alles viel schlimmer. Und für Romantik ist bis auf weiteres kein Platz.

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