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Kulturtage der EZB : Wunderkinder und Mozart-Pop

Das Wiener Johann Strauß Orchester spielt zum Abschluß in der Alten Oper Bild: picture-alliance/ dpa

Bei den Kulturtagen der Europäischen Zentralbank in Frankfurt, bei denen sich Österreich als Gastland präsentiert, spielt als Auftakt das Attersee Institute Orchestra. Insgesamt präsentiert sich Österreich in der Stadt mit 50 Veranstaltungen.

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          Hufeklappern auf dem Asphalt, Motorengeräusche im Hintergrund und die markante, in derbem Dialekt fluchende Stimme eines Fiakers näher am Mikrophon. Das wäre der ideale atmosphärische Beginn für einen Radio-Beitrag über die Klänge Wiens. Mit Überblendung schlösse sich kontrastierend gleich eine weitere Akustik-Kostprobe aus der Donau-Metropole an: elegante klassische Musik im „Philharmonischen Klang“. Dieser sei, wie Clemens Hellsberg als Vorstand der Wiener Philharmoniker bei einem Gespräch in Wien versichert, „keine Hypothese“, sondern Realität und Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen.

          Guido Holze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Spezielle Instrumente prägen demnach das besondere Klangbild des Traditionsorchesters. Eine Wiener Oboe und ein Wiener Horn gibt es, und auch das Schlagwerk ist speziell. Noch entscheidender als das sei aber die Musiziertradition: „In manchen Instrumentengruppen reicht das Lehrer-Schüler-Verhältnis bis tief in die Zeit Beethovens zurück.“ Um diesen „Wiener Klangstil“ zu bewahren, setzen die Philharmoniker auf gezielte Nachwuchsförderung in ihrem Internationalen Orchesterinstitut Attergau im Salzkammergut. In jährlichen Arbeitsphasen geben die Orchestermitglieder hier seit 1994 ihre Erfahrungen an ausgewählte junge Musiker weiter.

          Lesungen, Filme, Ausstellungen

          Für die Kulturtage der Europäischen Zentralbank in Frankfurt, bei denen sich diesmal Österreich als Gastland präsentiert, ist daher das erstaunlicherweise noch nicht ausverkaufte Gastspiel des Attersee Institute Orchestra - morgen von 20 Uhr an in der Alten Oper - ein angemessener Auftakt. Unter der Leitung des gebürtigen Wieners Sascha Goetzel und mit dem ebenfalls aus der Landeshauptstadt stammenden und dort bei Alfred Brendel ausgebildeten Pianisten Till Fellner erklingt zudem ein ganz wienerisches Programm mit Schuberts „Rosamunde“-Ouvertüre, Mozarts Klavierkonzert Es-Dur KV 482 und Beethovens Fünfter.

          Nach Polen 2004 und Ungarn 2005 präsentiert sich diesmal mit vielen hochkarätigen Konzerten ein Land bei den Kulturtagen, das bei seiner Präsentation die Musik in den Mittelpunkt stellt. In Zusammenarbeit mit der Österreichischen Nationalbank gibt es bis zum 14. November in Frankfurt etwa 50 Veranstaltungen. Dazu gehören auch Lesungen, Filmvorführungen, Ausstellungen, Vorträge und an diesem Samstag sogar einen „Wiener Ball“ im Frankfurter Hof.

          Einer der Stars im reichhaltigen musikalischen Programm ist der Violinist und Bratschist Julian Rachlin, der an der Frankfurter Musikhochschule einen Meisterkurs gibt. Der 1974 in Litauen geborene Virtuose, der mit der musikalischen Familie schon im Alter von drei Jahren in die Wahlheimat Österreich kam und später am Wiener Konservatorium studierte, begann seine Karriere als Wunderkind und ist, wie er sagt, „seit 18 Jahren unterwegs“: An 280 Tagen im Jahr bereist er konzertierend die ganze Welt. Nur eine Woche lang mache er jährlich „Urlaub vom Instrument“.

          Rudolf Buchbinder im Abs-Saal der Deutschen Bank

          Über dieses Instrument gerät er ins Schwärmen: eine 1741 von Guarnerius del Gesu gebaute Violine, die er als Dauerleihgabe aus der Streichinstrumenten-Sammlung der Österreichischen Nationalbank erhalten hat. Sie sei wertvoller als jede Stradivari und im Klang „wilder, ungezähmter, bestialischer, urbaner“, besonders stark im dunklen, tiefen Register. Gerade in diesen Sphären möchte er sich ausdrücken, so Rachlin. Man darf gespannt sein auf sein am 2. November um 19.30 Uhr beginnendes Konzert in der Musikhochschule. Mit seinem langjährigen Klavierpartner Itamar Golan interpretiert er ein Schumann-Brahms-Programm.

          Ebenfalls als „Wunderkind“ begann Rudolf Buchbinder seine Laufbahn, ein weiterer Star bei den EZB-Kulturtagen. Mit fünf Jahren war er der jüngste Student, der jemals an der Wiener Musikhochschule zugelassen wurde. Dabei entstammte er eigentlich keiner besonders musikalischen Familie, wie er bei einem Gespräch in seinem „zweiten Zuhause“, im altrot-plüschigen Hotel Sacher, im charmanten Plauderton erzählt, während Kellnerinnen mit Rüschen-Häubchen „kleinen Braunen“, köstliche „Wiener Melange“ oder „Sacher-Kaffee“ servieren.

          Allerdings stand in Buchbinders Wohnung ein Pianino, auf dem er schon in jüngsten Jahren nachspielte, was er im Radio hörte. Daß er Pianist werden wollte, stand für den Knaben da schon fest. Zu hören ist der inzwischen reife Meister am Samstag, 11. November, von 20 Uhr an im Abs-Saal der Deutschen Bank an der Junghofstraße mit der Camerata Salzburg und Klavierkonzerten von Joseph Haydn und Mozart.

          Wiener Johann Strauß Orchester in der Alten Oper

          Eine ganz andere, eigene Sicht auf die Musik des Großjubilars eröffnet am 3. November von 20 Uhr an im Bockenheimer Depot die „Mozartband“ des Akkordeonspielers Wolfgang Staribacher. Unter dem Titel „Volcano Allegre“ stellt sie rockig-poppige Mozart- und Salieri-Arrangements vor. Traditioneller ist das große Abschlußkonzert am 14. November in der Alten Oper gehalten: Das Wiener Johann Strauß Orchester soll seinem Namen alle Ehre machen.

          Zu den außermusikalischen Höhepunkten zählt eine Ausstellung mit Werken aus der Kunstsammlung der Österreichischen Nationalbank, die im Eurotower (Kaiserstraße 29) bis zum 31. Oktober montags, mittwochs und freitags jeweils bis 18 Uhr zu sehen ist und vor allem österreichische Nachkriegsmalerei zeigt. Die österreichische Literatur ist vertreten durch Arno Geiger, der am 31. Oktober von 20 Uhr an im Literaturhaus (Schöne Aussicht 2) aus seinem Roman „Es geht uns gut“ liest, und durch Christoph Ransmayr, der dort am 6. November seinen neuen Roman „Der fliegende Berg“ vorstellt.

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