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Kulturpolitik : Warum Nordhoff unter Künstlern kaum Freunde hat

Spätestens seit Gerhard Schröders Rückzug vom Amt des Parteivorsitzenden wissen wir wieder, wie wichtig den Sozialdemokraten das Gemüt ist. Einen SPD-Mann von altem Schrot und Korn begrüßt das Parteivolk jetzt erleichtert an seiner Spitze.

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          Spätestens seit Gerhard Schröders Rückzug vom Amt des Parteivorsitzenden wissen wir wieder, wie wichtig den Sozialdemokraten das Gemüt ist. Einen SPD-Mann von altem Schrot und Korn begrüßt das Parteivolk jetzt erleichtert an seiner Spitze. Frankfurt war, wie einem jetzt erst dämmert, auch hier einst Vorreiter. Vor sechs Jahren galt nämlich es auch in dieser Stadt, das wunde sozialdemokratische Herz zu heilen. Damals atmeten die Frankfurter Genossen tief durch, damit das penetrant weltfrauliche Parfüm von Linda Reisch aus den Lungen entweichen und der Stallgeruch von Hans-Bernhard Nordhoff tief darin eindringen konnte. Von Anfang an war klar, daß der aus Aachen an den Main gewechselte Bartträger die Idealbesetzung für die Ortsvereine und dazu angetan war, die vom schneidenden Ton der Vorgängerin entnervten Sozialdemokraten zu beruhigen. Kulturpolitische Kapriolen waren von ihm nicht zu erwarten. Dafür sorgte schon die Findungskommission aus drei veritablen Funktionären. Ein ziemlich großer Teil der Kulturszene freilich rümpfte schon damals die Nase.

          Michael Hierholzer
          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Kulturpolitiker stehen unter besonderer Beobachtung. Der in kommunalpolitischen Kreisen weit verbreiteten Meinung, in der Kultur werde das Geld mit beiden Händen aus dem Fenster geworfen, muß der verantwortliche Dezernent allemal entgegentreten. Nordhoff hat man immer abgenommen, daß er gegen Intendanten-Wahn und Subventions-Wildwuchs alles ihm Mögliche unternimmt. So hat er als Stadtrat in finanziell dürftiger Zeit für Finanzierungsmodelle geworben, bei denen die Lasten nicht nur von der Stadt getragen werden. Sein Vorvorgänger Hilmar Hoffmann hat ihn als "solide" bezeichnet - der einfache Bürger durfte annehmen, daß unter Nordhoffs Ägide die Kulturträume nicht in den Himmel wachsen.

          Glanz, Brillanz, ein Hauch Extravaganz sollen sich verbreiten

          Kulturpolitiker stehen unter besonderer Beobachtung. Daß etwas von dem Metier auf sie abstrahlen soll, um das sie sich kümmern, gilt als unausgesprochene Anforderung an ihr Profil. Glanz, Brillanz, ein Hauch Extravaganz sollen sich verbreiten, wo sonst der Primat des Verwaltungshandelns gilt. So wie die Kultur die Atmosphäre einer Stadt bestimmt, soll der mit ihr befaßte Politiker inmitten einer von Sachzwängen beherrschten Bürokratie den voller Leidenschaft das Hohelied des Schönen, Wahren, Ungewöhnlichen singenden Paradiesvogel geben. Kein Wunder, daß sich viele in der Kultur Tätige enttäuscht zeigten von einem Dezernenten, der mit dem Charme eines Chefbuchhalters gerne Paragraphen zitiert und Uneingeweihten unzugängliche Zahlenspiele vorführt.

          Eingeführt hat sich Nordhoff, der am 17.September 1998 zum Kulturdezernenten gewählt worden war, mit einer Anweisung an die Leiter der Kulturinstitute. In einer Art Tagesbefehl untersagte er ihnen jede öffentliche Äußerung, die nicht mit ihm abgestimmt sei, und schrieb unter anderem: "Ich sichere Ihnen zu, daß Sie in mir bei allen Problemen, die die Leitung Ihres Hauses mit sich bringt, stets einen offenen und vertrauensvollen Gesprächspartner finden werden." Auf tiefergehende Gespräche warteten manche recht lang: Der designierte Opern-Intendant Bernd Loebe äußerte im März 2002, er habe monatelang keinen Kontakt zum Stadtrat gehabt - damals ging es um die Bedingungen, unter denen Loebe in Frankfurt antreten sollte. Ein paar führende Kulturleute warten bis heute auf ein Kommunikationsangebot des Stadtrats. Und Lutz Sikorski, Fraktionschef der Grünen, sprach damals von einem "denkbar schlechten Einstieg", der "Böses ahnen" lasse.

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