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Kulturpolitik : Verwerfungen in der Museumslandschaft

Blick auf das Museumsufer: Hier könnte das ethnologische Museum entstehen Bild: Daniel Pilar

In der Frankfurter Kulturpolitik gibt es ein paar ungelöste Fälle: Das Museum für Moderne Kunst braucht einen neuen Direktor, zwei Sammlungen suchen ansprechende Hüllen.

          Die Stadt kann sich sehen lassen. Das verdankt Frankfurt unter anderem einer Kulturpolitik, die in den siebziger und achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Verbundenheit der Bürger mit ihrer Stadt ebenso stärken wollte wie die Außenwirkung des nach dem Zweiten Weltkrieg nachhaltig in Verruf geratenen Gemeinwesens. Seitdem allerdings ist viel Wasser den Main hinuntergeflossen, während die öffentliche Hand weder auf der rechten noch auf der linken Seite des Flusses eine nennenswerte Menge von Steinen bewegt hat, um das Museumsufer auszubauen oder es gar mit dem krönenden Abschluss zu versehen. Als solcher war der Neubau des Völkerkundemuseums gedacht. Richard Meier, der Architekt des ganz in Weiß gehaltenen Museums für Kunsthandwerk, hatte sämtliche Pläne vorgelegt, dann aber fehlte das Geld.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Inzwischen heißt das von Meier gebaute Haus Museum für Angewandte Kunst, und das Völkerkundemuseum wurde in Museum der Weltkulturen umbenannt. Noch immer jedoch sind die einzigen Räume, die der einzigartigen Sammlung zur Verfügung stehen, die Gemächer in den drei zwar ansehnlichen, für Ausstellungszwecke aber denkbar ungeeigneten Villen am Schaumainkai.

          Natürlicher Platz für ethnologisches Museum ist Museumspark

          Nachdem Felix Semmelroth (CDU) vor zwei Jahren den Posten des Kulturdezernenten übernommen hatte, kam Bewegung in die Neubaufrage. Der Stadtrat erklärte das ethnologische Museum zu einem der wichtigsten Vorhaben seiner Amtszeit. Noch immer jedoch zählt das seit nunmehr 20 Jahren diskutierte Neubauprojekt zu den ungelösten kulturpolitischen Fällen. Dabei passt kein anderes Museum so gut zu Frankfurt wie eines, in dem genau jene Internationalität, Kulturvielfalt, Offenheit für Fremdes sich niederschlagen, derer die Stadt sich immer wieder gerne rühmt. Dass ausgerechnet die auf Multikulti versessenen Grünen im Römer in munterer Allianz mit dem CDU-Ortsverein Sachsenhausen den Museumspark als Standort ablehnen, ist und bleibt eine Merkwürdigkeit: Der natürliche Platz für das neue Museum ist der Museumspark, das südliche Museumsufer, die Mitte der Stadt Frankfurt.

          Diese als kulturelles Zentrum der Region anzuerkennen, fällt manch einem nach wie vor nicht leicht, wurde aber seinerzeit in den von Ministerpräsident Roland Koch (CDU) in Auftrag gegebenen Gutachten zweifelsfrei festgestellt. Kein Wunder, dass der Frankfurter Kulturdezernent gerne daraus zitiert. Je weiter das Museum freilich vom südlichen Mainufer wegrückt, umso bestechender müssen Architektur und museumspädagogische Ausstattung sein. Sonst ginge nämlich keiner hin.

          Hollein hat Ausstellungsmaschinerie angeworfen

          Am richtigen Ort steht schon das Historische Museum, das zweite Neubauprojekt, dessen sich der Kulturdezernent angenommen hat. Hier ist man weiter: Es gab einen Wettbewerb, aus dem ein Siegerentwurf hervorgegangen ist, und die Stadtverordnetenversammlung hat beschlossen, die Mittel für den Umbau bereitzustellen. Derzeit wird, wie es heißt, der Entwurf überarbeitet, bis zum Jahr 2010 sollen die Planungen abgeschlossen sein. Wenn das Neubauvorhaben bis dahin nicht schon historisch geworden ist.

          Das könnte auch der Frankfurter Max-Hollein-Ära passieren. Ihm werden Ambitionen nachgesagt, Generaldirektor des Kunsthistorischen Museums in Wien zu werden, und es bedarf keiner besonderen seherischen Fähigkeiten, um vorauszusagen, dass bei einem Weggang des Mehrfach-Direktors die hochgemute Stimmung aus der Frankfurter Kultur entwiche wie aus einem angestochenen Ball die Luft. Hollein hat in Frankfurt eine Ausstellungsmaschinerie angeworfen, die in den Augen der kulturpolitisch Verantwortlichen gewiss endlos so weiterlaufen könnte.

          Kittelmann dauerhaft verstimmt

          Doch manche Ära geht schneller zu Ende, als es dem Publikum und den um das Renommee ihrer Stadt besorgten Bürgern lieb sein kann. Da heißt es vorausschauend vorzugehen und nicht nur auf diesen einen Mann zu setzen, auch wenn er mit der Neugestaltung des Liebieghauses gerade wieder unter Beweis gestellt hat, dass dem hiesigen Museumswesen die von ihm verordnete Modernisierung bestens zu Gesicht steht.

          Dass Udo Kittelmann, Direktor des Museums für Moderne Kunst (MMK), und Chus Martínez, Leiterin des Kunstvereins, Frankfurt verlassen, hat auch etwas mit Hollein zu tun. Beide fühlen sich von der Stadt vernachlässigt. Kittelmann ist dauerhaft verstimmt über eine Kulturpolitik, der es nach seiner Auffassung an einem Kunstkonzept für Frankfurt mangelt: Es gehe nicht an, dass das Städel Werke ebenjener Künstler kaufe und ausstelle, die dank des Museums für Moderne Kunst überhaupt erst einen Namen bekommen hätten.

          An musealer Monokultur kann niemandem gelegen sein

          Doch das Städel hat seit seiner Gründung auch die Aufgabe gehabt, sich der zeitgenössischen Kunst zu widmen. Dies haben diverse Direktoren auf ihre jeweils eigene Weise ausgelegt. In den Jahren vor Hollein hatte es das Städel weithin dem MMK überlassen, sich der aktuellen Kunst zu widmen. Das ist jetzt anders. Daher muss der Kulturdezernent bei der Neubesetzung der MMK-Direktorenstelle darauf achten, eine starke Persönlichkeit zu gewinnen, die das Museum auch gegenüber der Konkurrenz in der eigenen Stadt profiliert. Kittelmann hat dies durchaus getan. An einer musealen Monokultur kann niemandem gelegen sein.

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