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Kultur während Corona : „Es wurde zu viel abgesagt“

  • -Aktualisiert am

Karl-Werner Joerg organisiert die Bad Homburger Schlosskonzerte. (Symbolbild) Bild: Wolfgang Eilmes

Manche klassische Konzertreihe kleinerer Veranstalter ist existentiell bedroht. Gewünscht wird mehr Solidarität – auch innerhalb der Branche.

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          Sobald es möglich sein wird, will Karl-Werner Joerg alle ausgefallenen Konzerte nachholen. „Darauf sollen sich die Künstler verlassen können“, sagt der Kulturmanager, der von Friedrichsdorf aus mehrere Abonnementreihen in der Region betreut. Es sind nicht die ganz großen Konzerte in Sälen wie der Alten Oper Frankfurt, für die Joerg künstlerisch verantwortlich ist, sondern kammermusikalische und kammerorchestrale Veranstaltungen wie die von ihm organisierten Bad Homburger Schlosskonzerte. Oder die Mozartgesellschaft Wiesbaden, für die er als Vorstand tätig ist.

          Als im Frühjahr der erste Lockdown gelockert wurde, hat Joerg in manchem Konzertsaal mit dem Metermaß in der Hand selbst die Abstände zwischen den Sitzplätzen ausgemessen, um zu prüfen, wie er möglichst vielen Besuchern auf sichere Weise klassische Konzerte anbieten könnte. Obwohl er bald wusste: „Finanziell würden wir besser fahren, wenn wir nichts machen.“ Nichts zu machen, das kam auch Ib Hausmann nicht in den Sinn. Schon weil der Klarinettist als freischaffender Musiker ganz bewusst „ein Leben ohne Anstellungsverhältnis“ führt: „Ich erwarte nicht, dass der Staat mich rettet.“ Überhaupt wolle ein guter Teil der Künstler der öffentlichen Hand nicht auf der Tasche liegen – und stehe doch „staunend daneben“, wenn sie an anderer Stelle für wirtschaftliche Ausfälle „extrem“ einspringe.

          Auch Hausmann ist zugleich als Veranstalter tätig. Er betreut künstlerisch beispielsweise die vor knapp 150 Jahren gegründete Wiesbadener Traditionsreihe „Die Kammermusik“. Ähnlich wie Joerg hat Hausmann sich im Frühsommer, sobald es wieder möglich war, darum bemüht, Konzerte anzubieten: „Es war mir vor allem ein Anliegen, dass die Künstler überhaupt eine Auftrittsmöglichkeit bekommen.“ Manche Veranstalter seien in dieser Hinsicht den Weg des geringsten Widerstands gegangen: „Es wurde aus vorauseilendem Gehorsam vieles abgesagt.“ Und wohl auch zu viel Unterschiedliches gleich behandelt: „Man kann doch ein kleines Konzert mit vielleicht 80 Besuchern nicht mit einem großen Rockkonzert vergleichen.“

          Begehrte Karten

          Ohnehin waren im Sommer die kleinen Veranstalter bisweilen aktiver als die großen. Während beispielsweise das Rheingau Musik Festival seinen Spielbetrieb gar nicht erst aufnahm, bot die weit kleinere örtliche Konkurrenz der Burghofspiele mit ihrem „Rheingau-Sommer“ immerhin zehn gutbesuchte Kammerkonzerte an.

          Zu Gast: Karl-Werner Joerg in der Bad Homburger Schlosskirche
          Zu Gast: Karl-Werner Joerg in der Bad Homburger Schlosskirche : Bild: Rainer Wohlfahrt

          Auch ihm, erinnert sich Joerg, hätten die Besucher „die Karten für die wenigen Plätze, die wir anbieten können, regelrecht aus der Hand gerissen“. Sehr maßvoll sei der Rückzug der Abonnenten ausgefallen, von öffentlicher Seite habe es punktuelle Sonderzahlungen gegeben, von privater Seite Spenden, die vielfach erst das Angebot von Konzerten ermöglicht hätten.

          Die Soforthilfen und Überbrückungsgelder des ersten Lockdowns hingegen hätten ihm nichts gebracht: „Ich selbst besitze ja keinen Konzertsaal, den ich ausstatten kann.“ Und außerdem habe er im Frühjahr mit den Abonnementzahlungen sehr wohl Einnahmen gehabt, die der Zahlung von Zuschüssen im Wege gestanden hätten. Nur habe er diese Einnahmen eben nicht direkt ausgeben können, weil sie der Finanzierung der jetzigen Saison dienten. Sie ruht in diesen Wochen natürlich vollkommen: „Darauf, dass im Dezember nichts stattfindet, hatte ich mich schon früh eingerichtet. Aber wenn ich im Februar nichts anbieten darf, dann weiß ich nicht, was ich dann noch machen kann.“

          Fehlende Solidarität

          Ganz konkret sind die Forderungen, die Hausmann an die politisch Verantwortlichen hat. Was er schon für die Zeit des Teil-Lockdowns im November für angemessen gehalten hätte, könnte auch eine Perspektive für beginnende Lockerungen bieten: „Nach Vorlage strenger Hygienekonzepte sollten Konzerte mit einer Zahl von 50 bis 150 Personen zugelassen werden. Das würde Tausenden von freien Künstlern zumindest eine Auftrittsmöglichkeit ermöglichen.“

          In der Öffnung von großen Räumen für kleine Veranstalter läge zudem eine Haltung der Solidarität, die Hausmann in der Kultur sonst oft vermisst. Er wagt einen durchaus provokativen Vergleich, wenn er die großen Veranstalter als „Kulturindustrie“ bezeichnet: „Dabei ist es an der Zeit, den kleinen, lokalen Veranstaltungen als dem ökologischen Garten vor der intensiven Landwirtschaft, dem kleinen Ladenbesitzer vor der Supermarktkette, dem Einzelkünstler vor dem Kulturindustrieangestellten den Fokus und die Empathie zukommen zu lassen, die sie schon lange verloren haben. Dieses bisschen Solidarität sollte doch aufzubringen sein.“

          Das freilich setzt voraus, dass sich Kultur- und Veranstaltungsangebote beim Übergang vom harten Lockdown in eine Phase der Lockerungen nicht, wie im November, im Abseits wiederfinden. Denn für die kleinen Veranstalter wie für die einzelnen Künstler gilt, was Joerg klar auf den Punkt bringt: „Wir verdienen nur Geld, wenn sich vorne auf der Bühne etwas tut.“

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